Freitag, 17. Februar 2012

Kurz und knapp


„Die Kürze ist die Schwester des Talents.“

Anton Tschechow

- „Mrs. Johnson! Ich war gestern so im Schock!“ Gülcan ist total aufgeregt.
„Warum? Was ist passiert?“
- „Meine Schwester hat Sie H&M gesehen!“ Könnte sein. Ich war gestern einkaufen und ich kenne die gesamte Familie von Gülcan. Und die Familie kennt mich.
„Aha. Und wo ist der Zusammenhang zwischen Mrs. Johnson war bei H&M und deinem Schockzustand?“
- „Was machen SIE denn H&M???“
„Du wirst es nicht glauben, aber ich habe eingekauft! Das muss ja eine harte Zeit für euch sein. Zuerst seht ihr, wie eure Lehrerin in einen Bus einsteigt und dann kauft sie auch noch bei H&M ein!“
- „Überhart. Hätte ich echt nicht von Ihnen geglaubt.“ Lehrer sind manchmal so menschlich, das denkt man gar nicht...

Später in der 10ten:
- „Mrs. Johnson, mögen Sie Ihre Klasse? Die sind ja total schlimm, wenn man die schon auf dem Schulhof sieht...“
„Ehrlich? Eindeutig ja.“

Donnerstag, 16. Februar 2012

Das liebe Geld

„Geld allein macht nicht unglücklich.“

Peter Michael Falk

Erdkunde. Die Schüler bekommen von mir die Aufgabe, die Länder der EU und die dazugehörenden Hauptstädte aufzuzählen. Hierzu sollen sie mit Atlanten arbeiten. Plötzlich spüre ich, wie ein Finger mehrmals gegen meine Schulter tippt. Christina steht vor mir und schreit:
- „Mrs. Johnson, ist Betrug!“
„Kannst du mich bitte nicht anfassen und leiser sprechen? Mein Gehöhr ist NOCH in Ordnung. Jetzt setz dich hin und dann kannst du mir alles sagen, was du möchtest!“
- „Schuldigung.“ Christina setzt sich wieder hin.
„So, jetzt können wir uns unterhalten. Wovon redest du bitte?“
- „Hier gibt es diese komischen Estland, Lettland und Litauen gar nicht.“
„Natürlich gibt es die! Guck noch mal genauer hin.“ 2 Minuten später.
- „Hab geguckt. Schwör, die gibt’s nicht. Können Sie mal kommen?“ Ich gehe also hin. Und sehe... die Sowjetunion. Der Atlas und ich sind ja fast gleichalterig! Na super. Nicht nur, dass ich eine Schülerin umsonst angemotzt habe, ich unterrichte auch noch mit ururalten Büchern. Vielleicht sollte ich mir eine aktuellere Version besorgen und bei Bedarf für alle die jeweilige Seite kopieren. (Solange wir grenzenlos kopieren können. Soll bald auch eingeschränkt werden.) Habe ja sonst alle möglichen Schulbücher und Kopiervorlagen zu Hause. Und Haufen anderes Zeugs, das ich für den Unterricht benutze. Alles selbst finanziert. Gibt es weitere Berufe, die ihre Arbeitsutensilien selbst bezahlen müssen? Ich glaube nicht...

Apropos Finanzen.
Ich schaue mir gerade den Berg Papier auf meinem Schreibtisch an. Nichts davon gehört zum eigentlichen Unterricht. Alles muss ich bearbeiten. Wir müssen jedes Detail aufschreiben, alles protokollieren, Listen führen. Sämtliche Konferenzen, Elterngespräche, außerplanmäßige Vorfälle, Klassenbucheinträge, Verspätungen,... Briefe an die Eltern schreiben, mit allen möglichen Instanzen korrespondieren, Förderpläne für Schüler mit Förderschwerpunkt erstellen. Ist ja nicht so schlimm, dass man noch nie solche Pläne schreiben musste und keine Ahnung hat, wie man so etwas macht. (Weil man ja für die Arbeit mit behinderten Kindern nicht ausgeblidet ist.) Man kann ja die Sonderpädagogin anrufen, die für mehrere Schulen gleichzeitig verantwortlich ist. Ich weiß, gehört zu den Klassenlehrergeschäften. Will mich aber trotzdem gerade beschweren. Damit uns bloß nicht langweilig wird, gibt es seit letztem Jahr das so genannte Bildungspaket. Das bedeutet, dass bedürftige Schüler nun noch mehr bezahlt bekommen, als dies bisher der Fall war.  Klassenfahrten, Ausflüge, Fahrten zu Wandertagen, Nachhilfe, Schulkrempel (Papier, Stifte), warmes Mittagessen in den Schulen, ... Ich will auch 100€ im Jahr für meinen persönlichen Schulbedarf bekommen!

Und wer hat mehr Arbeit dadurch? Natürlich die Lehrer. Ich muss also vor jedem Ausflug die Berechtigung (BerlinPass) der einzelnen Kinder kontrollieren. Wenn die Schüler ihn nicht dabei haben, muss man (teilweise) mehrere Tage hinterher laufen. Dann muss ich gucken, welche Art Berechtigung das ist. Es gibt nämlich drei verschiedene. Dann natürlich einen Wisch mit ziemlich vielen Angaben ausfüllen und das ganze samt Quittung einschicken. Der Betrag von oftmals nur ein paar € wird auf mein (!!!) Konto überwiesen und ich zahle diesen dann an die Schüler aus. Kriegt man das nicht irgendwie hin, ohne den Lehrern noch mehr Arbeit aufzuzwingen?? Außerdem wäre ich dafür, Leistungen gegen Leistungen zu bringen. Erfüllt das Kind seine Aufgaben in der Schule, funktioniert die Zusammenarbeit mit den Eltern, dann kann man doch auch Geld dafür springen lassen!

So, genug gemeckert. Ich fange mal an, den Berg zu bearbeiten. Sonst wird es nie was...

Mittwoch, 15. Februar 2012

Immer auf die Lehrer!

Demokratie ist eine Einrichtung, die es den Menschen gestattet, frei zu entscheiden, wer an allem schuld sein soll.”
Anonym

Meine Freistunde und die große Pause (in der auch ich Pause habe, nicht nur die Schüler) habe ich damit verbracht, einen Konflikt auseinander zu nehmen, um ihn dann mit den Streitparteien auch zu lösen. Zumindest dies zu versuchen. Wenn mich nicht alles täuscht, nennt man das in der Politik ‚Mediation’.

Es ging darum, ob „Beleidigungen mit Familie“ schlimmer sind, als „Beleidigungen ohne Famile“. Abdul war auf 180 und ich habe während des Gespräches nicht aufgehört zu hoffen, dass er seine Fäuste bei sich behält. - „Warum beleidigst du mich mit Familie? Was haben meine Mutter und mein Vater damit zu tun? Ich schwör, das regt auf! Ich kann dich auch nach der Schule schlagen, dann weißt du wie man beleidigen soll!“ Und wieder was gelernt. Man kann unterschiedlich beleidigen. Ist wohl wie bei Super Mario. Level 1, Level 2, Level 3 ... und irgendwann ist dann ‚game over’ (=Schlägerei). 

Can verneinte natürlich alles. Er ist total unschuldig. Und keiner der beiden hat angefangen. - „Niemals hab ich deine Familie beleidigt. Also, Mrs. Johnson, es war so. ...“ Dann folgte eine laaange Erzählung, wie alles wirklich war. Diese wurde nach jedem Satz unterbrochen. Von Abdul. Denn, das alles war selbstredend gaaaanz anders! Und jetzt versuch mal rauszufinden, was da wirklich passiert ist! Ohne Beweise. Nur mit Zeugen, die alle etwas anderes gesehen haben- je nachdem ob sie für Can oder für Abdul Partei ergreifen wollen. Ich also dazwischen. Versuche eine Versöhnung auszuhandeln. Demzufolge bin ich ab heute neben Sozialarbeiter, Krankenschwester, Mutter und Vater auch noch Richter. Eigentlich schon immer. Insgesamt dauerte das Drama 45 Minuten Freistunde + 25 Minuten Pause.

Nach 70 Minuten Tränen, Geschrei, noch mehr Beleidigungen und zum Glück ohne Handgreiflichkeiten, scheint die Verhandlung erfolgreich gewesen zu sein. Bis Abdul sagt: „Nie machen die Lehrer was! Can wird wieder meine Familie beleidigen und Sie werden nix machen! Weiß ich doch! Und dann werde ich ihn schlagen. Is mir egal.“ Ganz ruhig, Mrs. Johnson. Jetzt nicht reagieren. Sonst muss bald jemand zwischen dir und Abdul vermitteln.





Dienstag, 14. Februar 2012

Harmonie

Die Schule soll stets danach trachten, dass

der junge Mensch sie als harmonische

Persönlichkeit verlasse, nicht als Spezialist.“
Albert Einstein

Nach so einem Tag bin ich echt müde. Ich sehe Buchstaben und Schüler vor mir, ich kann meinen Namen nicht mehr hören und andere Stimmen sind auch nicht wirklich wünschenswert. Als ich gestern meinen Post noch einmal gelesen habe, dachte ich: ‚Ah du Kacke, bist du fertig.’ Ich glaube, ich habe mehr Rechtschreib-, Grammatik- und Flüchtigkeitsfehler entdeckt, als im letzten Schüleraufsatz, den ich gelesen habe. Geht gar nicht. Ich habe also noch eine Weile dran rumgewerkelt. Fehler gefunden. Verbessert. Gepostet. Und das ganze gefühlte 1001 Mal. Die letzte Nacht war dementsprechend nicht zu lang und der heutige Schultag seeehr lang. Ich versuche mich dennoch zu bessern.

Valentinstag. Irgendwelche Vorteile werden da wohl für meine Klasse rauszuschlagen sein, schließlich habe ich schon letzte Woche gehört, dass bald Valentinstag ist und wie toll es wäre, überall Herzchen zu sein. Heute ist also Harmonie angesagt.

Ich schreibe das Datum an die Tafel und daneben ein Herz.
- „Haben Sie heute Geburtstag?“ Wieso spricht man tagelang über diesen blöden Tag und vergisst ihn an dem Tag selbst?
„Neeeein, heute ist doch Valentinstag und wir haben uns alle lieb. Stimmt's? Schimpfwortfrei.“
- „Ey Mrs. Johnson, wir haben Sie jeden Tag lieb! Aber kann man Schimpfwörter benutzen? Sonst ist unlustig.“
„Einen Versuch ist es wert. Ab jetzt kein Schimpfwort.“

Wir lesen einen Text. Nur Gülcan macht irgendwas hinter ihrer Riesentasche, die vor ihr auf dem Tisch liegt. Ich sehe es genau.
„Gülcan! Worum geht es im Text?“
- „Wieso fragen Sie mich? Fragen Sie Fatih!“ Fatih scheint damit nicht einverstanden zu sein.
- „Nee, ich bin schon beste. Playboy undso. Aber fragen Sie Gülcan, die macht da was mit ihre Handy! Die soll ma antworten.“
- „Was du redest! Deine Mudda ist der beste!“ Meine Harmonie ist hin.
„Deine-Mutter-Witze bzw. Sprüche gehören auch zu meinem Plan! Die sind nicht an der Tagesordnung!!!“
- „Aller, Mrs. Johnson, ich hab extra App runtergeladen für Mutterwitze. War teuer. Wieso sind Sie so? Nur, weil ich meine Tasche auf Tisch habe?“
„Nein, weil ich vor kurzem selbst zur Schule gegangen bin und weiß, wie was im Unterricht funktioniert, wenn man keine Lust auf Unterricht hat! Und du warst ziemlich sehr auffällig!“ Ok, ‚vor kurzem’ ist übertrieben, aber die ganzen Tricks aus meiner Schulzeit sind noch präsent.
„Mrs. Johnson! Bleiben Sie mal ernst! Vor 40 Jahren Schule gegangen is doch nicht kurz! Sie sind auch keine 20 mehr.“ Abdul grinst über beide Ohren. Er will sich mit mir anlegen. Mir kommt der Charmeur Dejan zur Hilfe. - „Sie sind gut gehalten, Mrs. Johnson. Höchstens 25!“
„Abdul, deine Witze waren schon mal besser. Also Gülcan, Tasche vom Tisch und mitlesen! Jetzt!“ Wieso dauert so eine Ermahnung immer eine Ewigkeit?
- „Oh, Sie haben wieder Sprüchetag! Haben Sie den von Ihre Bruda?“ Daraufhin schreit Dejan. - „Mrs. Johnson, hat Ihr Bruda eine Freundin? Can ist interessiert!“
- „Gaaar nicht! Halt die Fresse!“ antwortet Can. Meine Harmonie ist hin. Zum zweiten Mal. Gülcan ist wieder am Start.
- „Hä? Ich habe Witz gar nicht verstanden! Wie 40 Jahre? Sie sind doch nur so 30!“ Ja, siehste! Hättest du mal aufgepasst!

Wir schaffen es tatsächlich, den Text zu Ende zu lesen.
„Jetzt schreibt jeder diese Überschrift ins Heft und unterstreicht sie bunt!“
- „Wieso sind Sie so farbenfroh? Bleistift reicht doch!“
Dejan ist wieder am... Ich kann irgendwie nicht beschreiben, was er macht. Er liegt halb in seinem Stuhl und demoliert seinen schönen roten Radiergummi. Gleichzeitig singt er etwas.
„Dejan, wo ist deine Überschrift?“
- „Welche Überschrift?“
Harmonie ist einfach keine Lösung.

Montag, 13. Februar 2012

Nobody is perfect

„Der Versprecher auf dem Bildschirm ist wie 

der Druckfehler in der Zeitung: ein dankbar

begrüßter Verstoß gegen die Perfektion.“


Wolfgang Büttner
  
Aufgrund von irgendwelchen mysteriösen Stundenplanumstellungen hatte ich heute die Ehre, 3 Stunden in meiner Klasse zu unterrichten. Wenn wir schon den Luxus einer zusätzlichen Stunde haben, dann wäre doch etwas Politik nicht verkehrt. Habe ich so gedacht.

Zuerst zeige ich der Klasse ein Foto des Plenarsaales des Bundestages. Für den Einstieg sind Bilderchen eigentlich immer ganz gut geeignet. Erste Meldung.
- „Krasses Raum. Mies viele Menschen. Wo sitzt da die NPD?“ Oh oh. Raum, NPD... Das kann ja heiter werden.
- „Aller bist du dumm? Die gibts in Ungarn. Aber du bist so dumm, du weißt nicht mal, wo Ungarn ist.“
- „Natürlich weiß ich! Ungarn hat Grenze mit Deutschland.“ Tuncer ist empört. Oh man, wir kommen wieder mal vom Thema ab, aber wenigstens stellen wir hier einiges richtig.
- „Du hast ja gar kein Plan. Ungarn ist übertrieben weit weg. Sogar neben andere Kontinent.“ Genau, direkt neben Australien.
- „Alle sagen, Ungarn hat Grenze mit Deutschland!“ Tuncer scheint jetzt noch aufgebrachter. Na dann. ‚Alle sagen’ scheint eine magische Formel zu sein. Wenn alle sagen letzte Stunde fällt morgen aus, dann haben alle auch auf dem Vertretungsplan gesehen, dass sie ausfällt. Auf dem Vertretungsplan stand komischerweise nichts dergleichen.
War zwar so nicht geplant, aber wir schauen uns noch einmal die Europakarte an.

Gut, das hätten wir. Nun gehen wir einen Schritt weiter. Partnerarbeit: zusammen überlegen, von welchen Politikern man eventuell schon mal etwas gehört hat, welche Parteien man kennt usw. Wenn Crash-Kurs, dann richtig. Ich laufe rum und stelle fest, dass das Ergebnis ziemlich spärlich ausfällt. Von der Form und Schrift ganz zu schweigen.
„Rene, da fehlt etwas auf deinem Blatt.“ Wie oft eigentlich noch?
- „Sie immer mit Ihrem Datum! Als ob Sie nicht wissen, welche Datum heute ist.“ Ich weiß es schon, aber weißt du es?
Plötzlich registriere ich eine Bewegung im Raum. Dejan bewegt sich durch die Klasse. Nein, er hüpft durch die Klasse. Quatscht mal mit dem, mal mit dem anderen. So als würde die Aufgabe überhaupt nicht existieren. Ich gucke in seine Richtung. Und gucke. Und gucke. Und koche innerlich. Keine Reaktion.
- „Dejan, du Spasst! Mrs. Johnson guckt dich!“ Danke für die Hilfe, Umut. Die Hilfe war zwar nicht nett, aber Dejan dreht sich endlich um.
„Dejan, ihr habt eine Aufgabe von mir bekommen!“
- „Welche Aufgabe?“ Warum wissen die übrigen 25, welche Aufgabe und du nicht??
„Setz dich hin und frag deinen Nachbarn, was du machen sollst!“
- „Is besser, wenn ich mich setzte, oder was? Wie Lehrer immer überreagieren. Alle machen nix, nur ich immer.“ Die Schallplatte könnte er langsam mal wechseln. Boah, manchmal weiß man einfach nicht weiter. Und ärgert sich. Sooo sehr! Ich überlege, was ich mit Dejan anstelle, wenn er sich nicht endlich hinsetzt und nicht aufhört zu nerven. Im Hintergrund vernehme ich fliegende Gegenstände. Könnten Stifte sein. Geschrei. Meine Gedanken werden von Tuncer unterbrochen.
- „Mrs. Johnson, ich schwöre, ich habe Ungarn bei Deutschland gesehen. Gibt’s noch andere Karten?“ Ahhhh, könnt ihr bitte alle einfach die Aufgabe machen und nicht mehr sprechen?! Nö. Dejan meldet sich wieder zu Wort.
- „Ey, Mrs. Johnson. Ich kann echt nicht schreiben. Meine Hände sind tot von Klimmzügen.“ Sehr interessant. Was sind schon Noten im Vergleich mit den Muckis wert? - „Ich werde auch Lehrer und dann werde ich Schüler auch nur bestrafen! So wie Sie!“ Natürlich. Ich wache täglich mit der Vorstellung auf: ‚hoffentlich kann ich heute so viele wie möglich bestrafen’!

- „Ich bin fertig! Ich weiß nix mehr. Was soll ich jetzt machen?“ Christina meldet sich. Am besten leise sein. Und zwar alle. Sofort.
„Wir machen Folgendes. Ihr diktiert mir die Namen, die ihr habt und wenn es klappt die Partei, der der jeweilige Politiker angehört. Ich schreibe mit und ihr ergänzt eure Notizen bitte.“ Sobald ich mit dem Rücken zur Klasse und mit dem Gesicht zur Tafel stehe, kommen Kommentare.
- „Was ne Schwuchtel. Voll viele Politiker sind Schwuchtel.“
- „Sag ma nicht sowas, ist haram.“
- „Und die Merkel, wie die aussieht. Mops undso.“ Ok, jetzt reicht's. Ich bin davon überzeugt, dass die Stimme, von der die Beleidigungen kamen, Tuncer gehört. Na warte, dich pfeife ich jetzt zusammen! Nicht wissen, wo Ungarn liegt, aber so über andere Menschen reden! Ich setze die böseste Miene auf, die ich im Repertoire habe und drehe mich um. Der arme Tuncer. Ich hole tief Luft und lege los. Wie man so über Menschen reden kann. Keiner sieht perfekt aus, wir sollten alle mal öfters in den Spiegel schauen. Blabla. Nach bestimmt 5 Minuten Monolog und absoluter Stille in der Klasse, guckt mich Tuncer mit großen Augen an und sagt ganz leise: „Aber ich war es doch gar nicht.“ Ups.





Freitag, 10. Februar 2012

Bus

Über Bus gibt es keine Zitate.

Es ist an der Zeit, sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen. Ich habe folgendes überlegt. Welche Wörter werden in meiner Klasse am häufigsten genannt? Zweifelsohne landet ‚Bus’ unter den Top10. Dieses Wort höre ich so gut wie jeden Morgen.

„Valmir, warum bist du zu spät?“
- „Bus.“
„Was ist mit dir, Umut?“
- „Auch Bus. Wirklich.“
Am liebsten hätte ich gefragt: „Was Bus?“ Aber geht ja nicht. Muss mich ja richtig artikulieren, Vorbildfunktion und so. Insofern bleibt es bei den vielen Möglichkeiten, was denn nun mit Bus war. Zu spät, zu früh, kaputt, ...
„Mensch, Leute, ich bin heute auch mit dem Bus gekommen und ich war überpünktlich!“
- „Ja... Sie.. is ja was anderes.“ Wieso? Einen Privat-BVG-Bus besitze ich ja noch nicht.

Leider muss ich mich heute beeilen und somit nach der Schule denselben Bus nehmen, wie meine Schüler. Das fast Schlimmste was es gibt, ist eine Busfahrt mit Schülern. Ich komme an die Busstation. Die Hälfte meiner Klasse ist bereits dort versammelt. Ich will nur eins. Ganz schnell meine Kopfhörer finden, Musik hören und mich mit niemandem unterhalten. Träum schön weiter, Johnson.

- „Ey, Mrs. Johnson, SIE fahren Bus? Haben Sie Auto verkauft?“
„Ich habe euch doch schon heute morgen erzählt, dass ich mit dem Bus gekommen bin. Auch Lehrer fahren mal Bus.“
- „Krass. Wo fahren Sie? Wohnen Sie weit?“ Ich schaffe es nicht zu antworten, denn die nächste Frage kommt sogleich. - „Und wieso haben Sie Kopfhörer in der Hand?“
„Weil ich gerade Musik hören wollte. Auch Lehrer machen das.“
- „Uhhhh MC Johnson... Hören Sie Rap? Und wieso machen Sie das? Sie müssen jetzt mit uns sprechen. Sonst muss ich Ihnen Handy abziehen. Kann dann Ihre Mutter nächste Woche bei Sekretariat abholen. Aber muss Termin bei mir machen.“
- „Du Opfer, hör ma auf, ihre Mutter zu beleidigen!“ Es ist auch echt ein Unglück, dass dieser Bus einmal in 20 Minuten fährt, sooo lange warten ist einfach doof. Und auch noch kalt. Zum Glück nähert sich eine Gruppe Zehntklässler, die ich aber nicht kenne. Einer schreit:
- „Ey du!“
Murat ist verunsichert. - „Ich?“
- „Nein, andere du!“ Lieber Busfahrer, beeilen Sie sich bitte und bringen Sie mich ganz schnell hier weg. Dann fällt mir ein, die Schüler kommen ja mit. Ups. Vielleicht reden sie ja im Bus nicht so viel. Meine Gebete werden erhöht. Die Schüler steigen fast alle hinten ein. In Berlin muss man vorne einsteigen und die Fahrkarte vorzeigen. Der Busfahrer meckert. Der arme.

Im Bus bleibt ein Grüppchen vor der Fensterscheibe stehen.
- „Aller, guck ma, hier mein eine Ohr ist größer als andere Ohr! Wieso ist das so? Vielleicht ist Fenster schief?“
- „Du Knecht, du bist schief!“ Ok, wir haben uns ja schon ausreichend vor der Busfahrt unterhalten. Bitte sprecht mich nicht mehr an.
- „Mrs. Joooohnson! Gucken Sie, Baustelle.“
„Der Wahnsinn.“
- „Wenn ich nicht so gute Noten habe, kann ich doch noch Bausteller werden oder wie das Ding heißt, oder? Oder ich nehme Beruf ‚Murat schlagen’. Geht das?“
„Darüber können wir uns ja am Montag unterhalten. Ich muss jetzt leider leider aussteigen.“

So war sie, die Geschichte vom Bus. Mit dem Bus fängt der Schultag an und er endet mit dem Bus. Im Bus spielt das Leben. Und ich spiele jetzt Wochenende. Man sieht sich, Bus.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Eigentlich nichts Neues

Es ereignet sich nichts Neues. Es sind immer dieselben alten Geschichten, die von immer neuen Menschen erlebt werden."
William Faulkner

Aufgrund einiger Vorkomnisse und weil meine Schüler so sind wie sind, habe ich beschlossen, Jugendstrafrecht zum Halbjahresthema zu machen. Und auch, um das Wort 'Konsequenzen' buchstabieren zu lernen, es auf der Zunge zergehen zu lassen und es letztendlich mit Inhalt füllen. Wäre ja schade, wenn meine Jungs (und evtl auch Mädchen) böse Dinge anstellen, in der Überzeugung, kann eh nichts passieren. Gesagt. Getan.

Zuerst mal zwischen psychischer und physischer Gewalt unterscheiden. Die Hälfte der Stunde beschäftigen wir uns mit der Aussprache dieser Begriffe und der ‚Übersetzung' dieser. Das will einfach nicht sitzen. Ich staune nicht schlecht. Ich staune auch, dass ich immer wieder staune. Eigentlich dürfte ich nicht mehr staunen. Alles Gewöhnungssache. Die Liste an Beispielen für die beiden Gewaltarten wird immer länger. Eine Tafel reicht nicht.
- „Genickbruch ist doch körperlich?“
„Definitiv. Aber warum denn gleich so extrem?“
- „Ja, kann passieren. Ist Selbstbefriedigung eigentlich auch körperliche Gewalt?“ Die Klasse kriegt sich nich mehr ein. So, wie stelle ich das jetzt an, dass nicht die komplete Stunde auf dieses Thema draufgeht? 
„Wie kommst du denn jetzt bitte darauf??“ Schon mal falsch geantwortet. Mist.
- „Ich hab gestern Nachrichten geguckt.“ Fatih ist ganz stolz auf sich. Das würde man auch aus weitentferner Ferne erkennen. - „Auf RTL II“. Jetzt wird mir einiges klar. Ob ich das trotzdem als Nachrichten anerkennen soll? In diesem Ausnahmefall. Naja, darüber kann ich mir ja noch später Gedanken machen.
- „Die haben da gesagt, Selbstbefriedigung ist total scheiße, soll man nicht machen. Also, Joselyn, mach ma nicht so viel.“ Ok, eindeutig keine Anerkennung als Nachrichten. Ich habe es kommen sehen. Kriege ich bitte zum nächsten Geburtstag eine Dummesprüchelosestunde? Ich will auch keine anderen Geschenke.
Joselyn reagiert sofort. – „Geh dich aufhängen, Hurensohn!“ Wie schön, passend zum Thema. Seelische und körperliche Gewalt in einem!

Die Ecke mit den Selbstbefriedigungstheorien tuschelt und tuschelt und tuschelt.
„Ruhe, da hinten! Oder seid ihr noch bei dem superwichtigen Thema?“
- „Nein man, wir sind schon bei DSDS. Haben Sie geguckt?“ Na dann.
„Nein. Zurück zum Thema. Wer kann denn im Gegensatz zu euch, Gewalt ausüben?“
- „Araber?“ Ah du Schande, in welcher Welt lebst du denn? Ich fürchte, das Halbjahr reicht nicht.
- „Aller, jeder kann Gewalt ausüben! Ich gib dir Nacken. Was willst du machen? Polizei holen? Oh krass, ich weiß! Polizei kann Gewalt ausüben. Und Gerischte, wa?“
„ Da kommen wir doch der Sache schon näher!“ Wenn das nicht Schülerorientierung ist, dann weiß ich auch nicht! Dann meldet sich der kleine Emre.
- „Sagen wir, Vater gibt Kind Ohrfeige. Ist dann keine Gewalt, oder?“ Rein hypothetisch, die Frage, versteht sich. Ja, wie verhält man sich da... Und schon sehe ich mindestens 15 Meldungen. Der Wahnsinn.
- „So kleine Schelle von Eltern is doch keine Gewalt. Ich kann die doch nicht anzeigen! Was ist, wenn ich sage: ‚ich will Schläge?“ Das will ich sehen, dass du das sagst...

Wir haben einen langen Weg vor uns...