Donnerstag, 22. März 2012

Alles relativ

”Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.”

Albert Einstein

Was für ein anstrengender Tag! Ätzender Tag, würde ich sogar sagen. Und weil der Tag so war, wie er war, ist es heute so spät geworden. Unterricht muss man ja sowieso vorbereiten- kostet Zeit. Mit überforderten Eltern telefonieren- kostet noch mehr Zeit. Ein paar Runden um den Block laufen- kostet lohnenswerte Zeit, gerade heute. Jetzt geht’s mir besser. Nach diesem Eintrag werde ich hoffentlich endlich in die Freitagslaune kommen.

Es gibt eine Parallelklasse. In dieser Klasse unterrichte ich zwei Stunden die Woche, ein Nebenfach. Es ist also echt schwierig, sich zu etablieren. Mal geht nichts, mal läuft es einigermaßen. Aber Spaß ist was anderes. Zu schade aber auch, dass wir Schulpflicht haben. Sonst würden sich 80% verabschieden. Weitere 10 % wollen, aber können nicht und verfallen deswegen regelmäßig in das Muster der 80%. Tja.. und die letzten 10% sind nicht zu beneiden. Die wollen und können, aber nicht wenn der Rest brüllt, spuckt, durch die Klasse rennt, schlägt, an leeren Tischen sitzt (weil keine Schulsachen mit) und den Menschen verfluchen, der die Schule erfunden hat.
Für heute war ein Test angekündigt. Alles rechtens: rechtzeitig angesagt und sogar noch mal geübt. Mindestens die Hälfte wollte mir erklären, ich hätte noch nie etwas von einem Test erwähnt. Es klingelt. Die Klassentür steht offen. 5 Schüler spielen vor der Tür Fußball mit einer Wasserflasche. Weder die Klingel noch ich werden beachtet. Die Zeit für den Test läuft... Ich warte und warte und warte... Das Spiel wird fortgesetzt, bis Ceyhan mit einem blutenden Finger reinkommt. Keine Kriegsverletzung, erste Hilfe muss nicht geleistet werden. Außerdem bin ich sauer!
„Du bist zu spät!“
- „Wie sind Sie denn drauf? Ich blute!!!“ Hinter ihm kommt - schwer atmend - Jamilia rein.
- „Was ein Spiel! Ceyhan, wie ich dich abgezockt hab, du Opfer!“
„Jamilia! Es hat vor 7 Minuten zur Stunde geklingelt! Die Verspätung trage ich natürlich ein.“ Sauer ist schon untertrieben. Währenddessen zieht Ramiz sich die Kapuze über den Kopf, legt seinen Kopf auf den Tisch und macht die Augen zu. So verbringt er auch die restliche Stunde. Der Rest wird immer unruhiger.
- „Mrs. Johnson, können wir endlich anfangen??“
Jamilia meldet sich wieder zu Wort. - „Und die anderen tragen Sie nicht ein?? Wenn ich Klingel nicht höre?? Kann man schon nicht draußen chillen?!“ So ging es noch weitere 5 Minuten hin und her, bis wir mit demTest anfangen konnten. Wenige schrieben fleißig, andere starrten zur Decke und der Rest versuchte, sich zu unterhalten. Bis endlich meine Erlösung kam und es zur Pause klingelte. Jedes zweite der abgegebenen Aufgabenblätter war leer.

So in der Art ging der Tag weiter... Möge der Freitag besser werden.

Wichtigste Erkenntnis des Tages: Ich liebe meine Klasse!

Mittwoch, 21. März 2012

Voll unfair

„Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten.“

John F. Kennedy

Die Hälfte der Klasse wartet vor der Tür auf mich. Und alle reden sie auf mich ein. Alle auf einmal.
- „Aller, Mrs. Johnson. Klassenbuch ist voll, wir können uns bald Auto leisten!“ (Wer keine Ahnung hat, worum es geht, kann hier nachgucken.)
- „Aber alles übertrieben unfair, gar nix gemacht! Und gleich Einträge!“
- „Ich mach nie wieder bei der Unterricht!“ Aha, und wie genau willst du das anstellen, ohne die Schule zu wechseln?
„Können wir zuerst den Test hinter uns bringen und dann über die ganzen Einträge reden?“
- „Scheiße, schreiben wir heute?“ Da hat jemand nicht aufgepasst, obwohl ich schon seit einer Woche über diesen Test rede.
Der Haufen löst sich also auf und alle begeben sich langsam zu ihren Plätzen. Insgeheim wünsche ich mir, dass die ganze Stunde für den Test in Anspruch genommen wird, damit ich mich nicht mit diesen ewigen „Wir-haben-nichts-gemacht-und-alle-tragen-uns-ein-und-jetzt-müssen-wir-zahlen-Beschwerden“ beschäftigen muss.

Während des Tests schaue ich natürlich, was die Schüler so treiben und sehe... Emre guckt so ziemlich auffällig in seine Federtasche. Eindeutig Spicker. Ich habe noch nie jemanden beim Spicken erwischt. Aber irgendwann ist ja bekanntlich immer das erste Mal. Und ich sage euch: für den Lehrer ist es mindestens genauso schlimm, wie für den Schüler. Für mich zumindest. Oh nein, warum musst du dich auch erwischen lassen? Was mache ich denn jetzt? Er soll noch nicht abgeben, die Stunde hat doch erst angefangen. Die Schüler sind aber auch superauffällig, spicken muss man auch können. Ich laufe also noch einmal durch die Klasse, bleibe hinter Emre stehen und sehe einen Zettel in seiner Federtasche. Einen Zettel mit vielen Begriffen aus dem Unterricht. Mist. Ich gehe also ganz nah an ihn ran und flüstere: „Pack den Spicker weg, sonst gibt es sofort eine 6!“ Er guckt mich total verblüfft an und macht wortlos seine Federtasche zu. Nach dem Test spreche ich ihn noch mal darauf an.
„Emre, zeig mal den Spicker. Ich wollte schon immer wissen, wie ihr einen Spicker gestaltet.“
- „Aber Mrs. Johnson, ich hatte gar keinen!“ Bis zuletzt nicht klein beigeben. Das haben wir ja gerne..
- „Mrs. Johnson, haben Sie denn nie gespickt??“ Ich überlege kurz, was ich antworten soll und entscheide mich für die Wahrheit.
„Wenn, dann habe ich mich nicht erwischen lassen!“
- „Uuhhh Profi! Wo haben Sie gelernt?“

Wie erwartet, sind alle früher mit dem Test fertig. Wir müssen uns also über die Klassenbucheinträge unterhalten.
„René, hier steht, du läufst während der Stunde durch die Klasse?!“
- „Ja! Aber was ist daran so schlimm? Gar nicht schlimm und die trägt mich ein!“
„Ihr wisst ganz genau, dass Aufstehen während der Stunde nicht erlaubt ist und Rumlaufen schon gar nicht! Natürlich wirst du dann ins Klassenbuch eingetragen!“
- „Aber wenn ich aufstehen muss??“ Ich weiß schon, warum ich diese Diskussionen vermeiden möchte...
„So. der nächste Eintrag. Can, warum singst du auf Türkisch im Unterricht?“
- „Tut mir leid. Soll ich lieber deutsche oder englische Lieder singen??“
„Du sollst überhaupt nicht singen!!“
- „Ah so.. Tschuldigung.“
„Ihr braucht euch wirklich nicht zu wundern!“
- „Mrs. Johnson, kann ich aufs Klo?“ Gülcan steht vor mir. Gerade haben wir vom Aufstehen und Rumlaufen in der Klasse während des Unterrichts gesprochen.
„Nein.“
- „Biiiiitte!!! Ist vooooll wichtig! Seien Sie ma nicht so unfair!“
„Hälst du es wirklich nicht mehr aus? In 10 Minuten ist doch schon die große Pause!“
- Jaa, ich weiß doch. Deswegen is ja wichtig! Gucken Sie, meine Haare. Ich muss Frisur machen, sonst kann ich nicht auf Hof gehen!“ Jaaaa, lebenswichtig!

Dienstag, 20. März 2012

Kann ich noch eine 1 kriegen?

"Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen."
Henry David Thoreau

Auf den heutigen Tag haben viele sehnsüchtig gewartet. Mindestens genauso so viele wollten diesen Tag am liebsten aus dem Kalender streichen. Der Tag der Zwischenzeugnisse. Es sind keine Zeugnisse, wir nennen sie bloß so. Nachdem die Hälfte des Halbjahres um ist, bekommen die Eltern eine Info über die Leistungen ihrer Kinder. Die vorläufigen Noten für jedes Fach. Eigentlich empfiehlt es sich, diese Blättchen am Ende der Stunde auszuteilen, aber ich wurde überredet, dies bereits am Anfang der Stunde zu machen. Habe aber den Schülern das Versprechen abgenommen, dass wir dann Unterricht machen. Das war das letzte Mal, dass ich diese Reihenfolge gewählt habe.

Es beginnt ein lautes Aufregen, Freuen und Diskutieren. Tja, Schuld eigene, Mrs. Johnson. Jetzt musste da durch. Abdul kann sich gar nicht einkriegen.
- „Walla, wieso gibt die mir nur 3 Punkte? Die will mich eh loswerden. Ich schwör, die Frau hat was gegen mich.“  Auch Dejan ist sauer.
-„Ich verstehe das nicht, der liebt mich doch. Wieso gibt er mir so Noten?“ Ja.. wieso wohl?
Alle laufen rum und vergleichen ihre Noten miteinander. Dann kommt Christina zu mir.  
- „Mrs. Joooohnson, kann ich noch eine 1 aufm Zeugnis kriegen?"
„Hmmm, wird schwer von 6 Punkten auf 13 zu kommen, aber versuchen kannst du es natürlich.“ Unmöglich, aber irgendwie muss man ja die Kiddies motivieren.
- „Mrs. Johnson, kann ich auch? Vielleicht eine 2? Wenn ich Referat mache?“ Typisch. Das ganze Jahr chillen. Aufwachen, wenn es schon zu spät ist und dann der Meinung sein, mit einem mickrigen Referat könnte man von einer 5 auf eine 1 springen.
„Vielleicht.“ Vielleicht auch nicht. Man, bin ich böse.
- „Mrs. Johnson, haben Sie sich verschrieben? Ich dachte schon, ich krieg Geschichte eine 3.“ Jetzt steht auch Mandy bei mir.
„Nö, alles richtig.“
- „Eeecht??“ Mandy dreht sich total niedergeschlagen um und geht wieder zu ihrem Platz.
„Morgen bekomme ich von jedem diesen Brief zurück, mit der Unterschrift eurer Eltern.“ Morgen ist zwar utopisch, aber eventuell trudeln die ersten Unterschriften ja tatsächlich schon bald ein.
- „Mrs. Johnson, mein Vater kann nicht unterschreiben. Zu viel Koffein, wissen Sie?“ Valmir hat Ideen...
„Zu viel von was auch immer. Ich brauche die Unterschrift.“
- „Ok...“

Plötzlich höre ich Bülent. - „Aller, Dejan, was ein schlechtes Zeugnis du hast. Wie deine Mudda ausrasten wird!“ Oh nein, oh nein, warum muss er ausgerechnet Dejans Zeugnis analysieren??
- „Red nicht mit mir!!“
- „Ich red, mit wem ich will! Geh mal nach Hause!“
- „Red nicht mit mir, hab ich gesagt! Wenn du noch mal mit mir redest- Klatsche!!“ Diesmal schreit er. Ich muss es sofort unterbinden, sonst kann ich für nichts garantieren. Da hilft nur eins.
„Wie ihr wisst, ist für nächste Woche ein Wandertag geplant.“ Auf einmal ist es absolut still.
- „Sagen Sie uns jetzt, wohin wir gehen? Bitte, bitte, bitte!“ Betül hat schon konkrete Vorstellungen. - „Museum?“
„Wenn du unbedingt möchstest, können wir gerne ins Museum!“
-„Nee danke, lieber Spaß...“
„Ich habe für uns eine Führung gebucht.“ Seufzen und Beschwerden erfüllen die Klasse.
- „Walla???“ Abdul ist so aufgeregt, dass er sogar aufspringt. Nee, nicht sogar. Er springt auf.
„Falls dies eine Frage war, ich habe sie nicht verstanden!“
- „Haben Sie echt Führung gemacht? Was das?? Immer ernst und ernst ...“
„Ja, habe ich. In der Moschee.“ Jetzt wird es ruhiger.
- „Bei Moschee dürfen wir nix sagen, sonst ist haram.“ Na wenigstens etwas ...
Da unsere Klassenkasse aufgrund der zahlreichen Klassenbucheinträge, Verspätungen usw. mittlerweile überquilt, gibt es einen weiteren Programmpunkt.
„Nach der Führung gehen wir dann Eis essen.“ Laute Jubelrufe.
- „Walla, ich schwör, Sie sind die beste!“

Montag, 19. März 2012

Herzlichen Glückwunsch

„Für mich sind Geburtstage und Weihnachten 
keine magischen Daten. Ich feiere immer 
dann, wenn ich Lust dazu habe.“

Nicolas G. Hayek

Ich gebe es ja zu. Der erste Gedanke nach dem Aufstehen war ‚in zwei Wochen sind Ferien’. Montags früh aufstehen, nachdem man zwei Tage ausgeschlafen hat, macht einfach keinen Spaß. Dazu kommt noch, dass wir bei uns in der Schule ein neues Hobby eingeführt haben. Das nennt sich Vorsitzen. Die Schüler kommen zur 0. Stunde. Sie kommen wirklich. Lehrer auch. Aua, das tut weh. Allen Beteiligten. Aber, es wirkt und das ist die Hauptsache.Was ich mir schon nicht alles ausgedacht habe. Ich könnte einen ‚Strafkatalog von Mrs. Johnson’ herausbringen. So viele Ideen ich auch habe, die gibt es in diesem Land wohl schon weitere 1000000 Mal in verschiedensten Ausführungen. Ich sammle aber gerne weiter. Wer also weitere pädagogische (!!) Strafmaßnahmen parat hat- nur her damit!

Wir waren also alle (die, die tatsächlich so früh auf der Matte standen) etwas benebelt und mussten dann noch (weil Mrs. Johnson es so wollte) über die aktuellen politischen Ereignisse sprechen.
„Wer von euch hat denn mitbekommen, was gestern stattgefunden hat?“
- „Besiktas hat heute Geburtstag.“ Betül strahlt über beide Ohren, so als hätte sie selbst etwas zu feiern.
„Wer??“
- „Besiktas Istanbul. Kennen Sie nicht? Fußballmannschaft in Türkei. Die haben Geburtstag!“
„Herzlichen Glückwunsch! Und was genau hat das mit dem wichtigen Ereignis gestern zu tun?“
- „Abooou, ist auch wichtig! Ist älteste Verein, wurde gegründet noch bei Osmanische Reich.“
„Noch einmal: Meine herzlichen Gückwünsche. Können wir dennoch bitte zu gestern zurückkehren?“ Murat hat eine Idee.
- „Da wurde doch dieser Bundesdingsda gewählt... Bundeskanzler? Wowereit? Hat der gewinnt?“
„Klaus Wowereit ist der Bürgermeister Berlins. Bundeskanzlerin ist Frau Merkel. Gewählt wurde ein neuer Bundespräsident.“
- „Stimmt, hab ich Fernseh gesehen. Dieser Günther Gauck.“
„Joachim Gauck.“
- „Meine ich doch. Ist er jetzt reich?“ Auf die Frage gehe ich nicht ein.
„Weiß jemand zufällig, warum ein neuer Bundespräsident gewählt werden musste?“ Max scheint es zu wissen.
- „Der alte, Wowereit, hat doch oberviel Scheiße gebaut.“
„Wowereit ist immernoch der Bürgermeister hier.“
- „Ah ja, meine ich doch. Der hat doch Sachen gemacht. Die waren verboten. Und dann musste er gehen. Aber der ist freiwillig gegangen und jetzt kriegt er miesviel Geld. Mrs. Johnson, kann ich auch Bundespräsident werden?“
„Erst mit 40 Jahren.“
- „Sooo alt müssen die sein? Ohne Sinn...“Dann meldet sich Gülcan.
- „Mrs. Johnson, ist der alte Präsident nicht Rente??“
- „Hast du kein Foto gesehen? Der ist übetrieben jung noch!“ Joselyn hat wohl recherchiert.
- „Ja und? Man kann doch jung aussehen und alt sein!“ Recht hat sie...
„Welche Aufgaben hat denn der Bundespräsident?“ Mehrere melden sich. Komisch, gerade wussten sie noch nicht, wie der Bundespräsident heißt und jetzt wollen sie sogar seine Aufgaben kennen?
- „Sich langweilen.“
- „Dumm sein?“
„Leuuuute! Ernsthafte Antworten bitte!“
- „Er macht das besser, was andere schlecht machen.“ Christina scheint mit ihrer Antwort sehr zufrieden zu sein.
- „Woher soll ich denn wissen, was der macht? Kann er machen, dass ich nie wieder Ordnungsdienst machen muss?“ Bülent guckt mich mit großen Augen an. Nur er weiß, ob die Frage ernst gemeint ist. Kann ich gerade von seinem Gesicht nicht ablesen.
„Du machst doch auch fast nie Ordnungsdienst. Am Freitag sah die Klasse aus, wie Sau! Deswegen, herzlichen Glückwunsch, du darfst eine weitere Woche Ordnungsdienst machen!“
- „Jaaa, übertreiben Sie doch! Nur weil ich einmal vergessen hab! Is wie Arrest hier! Jaaa, ich mach jeden Tag. Bis zu den Sommerferien! Und ich komme in den Sommerferien und putze hier!!“
„Gute Idee!“
- „Ihr Ernst???“ Zum Glück müssen wir diese äußerst intelektuelle Unterhaltung nicht fortführen, denn Melisa meldet sich.
- „Mrs. Johnson... Dieser Gauck hat doch in so eine komische Land gewohnt?!“
„Meinst du die DDR? Das Land existiert nicht mehr.“
- „Jaaaa, genau! Gab’s da Häuser??“ 

Freitag, 16. März 2012

Alles dufte


Die Freude ist überall. Es gilt nur, sie zu entdecken.”
Konfuzius

Heute war alles dufte. Wetter dufte. Schüler dufte. Freitag dufte. Na gut, die 10ten haben wieder bisschen genervt. Sie wollen eine Spielstunde, sofort! Wenn es geht, auch zwei. Ging nicht. Die haben einfach keine Lust mehr, müssen nur noch 3 Monate zu Schule gehen, wollen nur noch ihre Prüfungen machen und anschließend verschwinden. Kann man irgendwie verstehen.

Ansonsten kann ich mich wirklich nicht beschweren. Keine Prügelei, keine großartigen Unterrichtsstörungen, (meistens) nette Unterrichtsgespräche- eben alles dufte. In Berufskunde ging es diesmal um Bedürfnisse. Ich habe viel gelernt. Iphone ist heutzutage kein Luxus mehr. Dafür gehört aber eine Edelhure eindeutig zu Luxusbedürfnissen, wenn Sex zu den Grundbedürfnissen zählt. Jemand ist nur wichtig, wenn er einen fetten Benz fährt. Ansonsten zählt gar nichts im Leben. Auf dem Polenmarkt kann man zahlreiche Bedürfnisse befriedigen. Nur empfehlenswert und auch nicht sonderlich weit. Dass man sich die Hälfte der Stunde über das Wort ‚befriedigen’ kaputt gelacht hat, muss ich wohl nicht erwähnen.
Wenn man das Bedürfnis ‚Ruhe’ befriedigen möchte, dann macht man Praktikum bei Ebay.
- „Den ganzen Tag zu Hause chillen und nur bisschen online gehen, alles kontrollieren.“
„Auch Ebay hat Büroräume, nicht wenige!“
- „Eeeeecht? Ohne Sinn!“

Der arme Can lief heute zwei Stunden lang mit einem Zettel auf dem Rücken mit der Aufschrift ‚Kick mich’. - „Was los? Wenn es sein Bedürfnis ist, kann ich Zettel nicht abmachen!“ Zum Glück ist es nicht ausgeartet. Deswegen- auch hier alles dufte.
Als ich dann verlangte, man soll eine Aufgabe innerhalb von 10 Minuten lösen, hieß es: 
- „Aller, Mrs. Johnson! Sind wir Menschen oder Maschinen? Ganze Lebensgeschichte aufschreiben oder was??“
„Keine Lebensgeschichte, nur 5 Sätze! Außerdem sollt ihr zu zweit arbeiten, das erleichtert doch die Arbeit.“ Nicht meinen Schüler, aber egal. Die unterhalten sich erstmal über alle möglichen Fußballspiele der letzten Tage, neueste PS3-Spiele, Saleangebote und streiten sich dann, wer die richtige Antwort hat und wer von den beiden diese aufschreiben soll.
- „Ja klar, wir helfen gegeneinander. Aber trotzdem krass lange Aufgabe. Freitag undso?!“
„Freitag vormittag wird noch gearbeitet, welche Bedürfnisse ihr danach befriedigt, ist euch überlassen.“ Beschweren ist immer an der Tagesordnung, verändert dennoch die Duftestimmung nicht.
- „Ja! Wir haben auch Bedürfnisse: chillen, zocken, undso. Die beachten Sie gar nicht! Dürfen wir Handy rausholen?“
„Natürlich nicht!“
- „Übertrieben unfair...“

Ich habe jetzt nur noch ein Bedürfnis: Wochenende genießen!! Ausschlafen ist immer dufte. Cheers, bis demnächst.

Donnerstag, 15. März 2012

Erste Hilfe für Mrs. Johnson

“Aspirin gab’s nicht, da habe ich Zigaretten mitgebracht.”

Homer Simpson

Heute war einfach nicht mein Tag. Zu wenig Schlaf und gleich nach dem Aufstehen Kopfschmerzen. 26 schreiende und auf einmal auf mich einredende Schüler machen die Sache einfach nicht besser. Und heute waren sie ALLE da! Deswegen: Gleich mal vorbeugen.
„Leute, mein Kopf ist quadratisch. Es wäre echt nett von euch, wenn es heute ruhiger ablaufen könnte.“
- „Nicht leiden, Mrs. Johnson, Sie müssen Tablette nehmen.“
„Gerade erledigt, bis jetzt hat sie noch nicht geholfen. Das einzige, was jetzt helfen könnte, ist Ruhe.“ Einen Versuch ist es wert...
- „Mrs. Johnson, soll ich Sie Krankenhaus bringen?“ Can steht wieder vor mir. Der Abstand zwischen uns beiden beträgt höchstens 5 cm.
Valmir besteht auf seiner Tablettentheorie. - „Mrs. Johnson, ich bringe Ihnen morgen Tabletten. Die sind ultrastark. Die helfen sofort. Ruhe hilft doch nicht, nur Tabletten.“ Du hast keine Ahnung, wogegen Ruhe alles helfen kann.
Auch Murat hat einen Rat. - „Tabletten sind scheiße, Chemie undso. Sie müssen zu mein Arzt gehen. Mieseste Profi, wo gibt. Der macht Ihre Kopf direkt gesund. Machen Sie ma. Ich bringe morgen Adresse, können Sie gehen. Und dann werden Sie sagen: ‚Danke, lieber Murat, du hast mein Kopf gerettet!“ Bei dem Arzt holt er sich also jedes Mal einen Attest für paar Tage am Stück, wenn ‚mir-ist-so-schlecht-ich-kann-niemals-Schule-gehen’ Symptome wieder auftauchen.
„Ich brauche weder eure Tabletten, noch einen Super-dupper-Arzt, sondern eine übernette Klasse! Und zwar nicht morgen, sondern jetzt sofort! Sonst gibt mein Kopf hier und jetzt den Geist auf und dann braucht ihr eine neue Lehrerin.“ Die gesamte Klasse sitzt total still da und guckt mich mit großen Augen an. Süß. Zögernd geht ein Finger hoch, Mandy will was sagen.
- „Mrs. Johnson...“
Sofort schreit Umut: - „Man, verstehst du nicht? Sie hat Kopfschmerzen. Halt die Fresse jetzt!“

Die übrige Stunde verläuft total ruhig, nett und gut die Hälfte der Klasse macht mit. So wie es sich gehört, mit Meldung und dann warten, bis man dran kommt. Können die lieb sein, vielleicht sollte ich öfters Kopfschmerzen haben?! Nee, lieber nicht. Dann wäre es ja total langweilig, nichts mehr zu erzählen... Nichtsdestotrotz, wenn es schlecht geht, dann geht’s schlecht. Da will man nicht mal mit den Eliteschülern des besten Gymnasiums der Stadt Unterricht machen. Geschweige denn, mit der besten Klasse der Welt, meiner.
„Weil ihr so gut mitgemacht habt, könnt ihr euch die letzten 5 Minuten umsetzen und euch leise miteinander unterhalten.“
- „Hä? Worüber soll ich mich denn jetzt unterhalten??“ Natürlich, die wirklich wichtigen Themen fallen einem ja auch nur während des Unterrichts ein.

Mittwoch, 14. März 2012

Jedermanns Bedürfnisse

„Nur wenn ich die Bedürfnisse meiner Mitmenschen kenne, kann ich sie motivieren.“



Vera F. Birkenbihl

Die erste Nachricht des Tages: Nächstes Jahr machen wir eine Klasse mehr auf, als geplant. Schulträger hat gesagt, Schule muss machen. Punkt. „Ähm, Entschuldigung, dass wir Sie bei der Arbeit stören, aber woher bekommen wir Räume für mehr Schüler?“ - „Lassen Sie sich was einfallen.“ „Ok, und bekommen wir denn wenigstens die Lehrer mit den benötigten Fächern, so wie im Bedarf für das nächste Schuljahr angemeldet?“ - „Lassen Sie sich überraschen!“ Ja, eine andere Wahl haben wir ja auch irgendwie nicht. Die Schüler müssen ja versorgt werden. Irgendwie. So wie in einer Fabrik, Massenproduktion am Fließband. Je mehr dabei gespart wurde, desto besser. Und wenn die Ergebnisse der Pisa-Studie kommen (falls ich mich richtig entsinne, befand sich Berlin auf einem der letzten Plätze, wenn nicht auf dem letzten), dann wird wieder irgendwas von Chancengleichheit und Gerechtigkeit erzählt und auf das Ziel verwiesen, dorthin zu kommen. Bezogen auf das heutige Zitat: Wer ist denn noch hochmotiviert die besten Ergebnisse zu erzielen, wenn einem jeden Tag ein Stückchen Motivation entzogen wird? Dies betrifft sowohl Schüler, als auch Lehrer.

Ich bin Pädagogin, ich habe den Beruf gewählt, um zu unterrichten und junge Menschen auf ihren Lebenswegen zu begleiten. Meine Kollegen und die Schulleitung sicherlich auch. Sage ich jetzt einfach mal so. Momentan erstellen wir hauptsächlich Statistiken, versuchen den Schulalltag möglichst ohne Verluste zu organisieren und füllen Fragebögen aus oder schreiben Berichte. Meine Schüler sind Akten und wir Lehrer Personalnummern. Nummern müssen ja auch nur existieren. Nur ihre Existenzbedürfnisse müssen befriedigt werden. Luxusbedürfnisse wie kleinere Klassen, Sonderpädagogen oder Doppelbesetzung sind eben Luxus. Nummern und Akten brauchen keinen Luxus.

Irgendwie werden doch diese Kinder im Stich gelassen. Vom System, an das keiner glaubt und das trotzdem hartnäckig weitergeführt wird. Meine Eltern haben mich - zum Glück - als kleines Kind aus einem ‚System’ rausgebracht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich jemals wieder in einem ‚System’ wiederfinde. Ein System, das ohne Rücksicht auf Verluste auf den eigenhändig erstellten Prinzipien besteht. Es gibt genügend Schüler, die aus einer Schule rausgeflogen sind und in einer neuen wieder funktioniert haben. Ich habe selbst so einen Fall in meiner Klasse. Neue Umwelt, neue Chance- weg von den alten Kumpels und den damit zusammenhängenden Gewohnheiten. Stattdessen müssen solche Schüler heutzutage in ihrer alten Schule verweilen. Lehrer haben sie aufgegeben, weil sie nicht mehr können und schon alles ausprobiert haben, was nur möglich war. Mitschüler meistens auch. Der Weg geht immer weiter zum Abgrund.

Wenn diese Schüler noch dazu Eltern haben, die sich nicht kümmern wollen, können oder was auch immer, haben sie verloren. Game over. Heute war mein Telefontag, also Informationen für die Eltern- wie stellt sich ihr Kind in der Schule so an?! In einigen wenigen Fällen würde ich das Kind am liebsten aus der Familie rausnehmen und irgendwohin in die Wildnis schicken, weg von den Alltagsbegebenheiten. Viele habe ich noch nie zu Gesicht bekommen, keine Zeit zum Elternabend zu kommen, zu beschäftigt, Kopfschmerzen, etc. Ich bin jung, viel jünger als die Eltern meiner Schüler. Trotzdem suchen sie meinen Rat, viele wissen nicht weiter. Oft fällt das Wort ‚verzweifelt’ in den Gesprächen. Wie paradox ist das denn bitte? Wer kennt denn ihre Kinder besser, als sie selbst? Und warum kommen die Eltern als Eltern nicht selbst auf die magischen Worte ‚Liebe’ und ‚Konsequenz’?! (Und setzen dabei mindestens 5 Kinder in die Welt) Oder bin ich zu naiv und sehe die Welt rosarot?

An dieser Stelle: Danke am meine Eltern. Danke, dass ich so geworden bin, wie ich bin.

Und weil ich jeden Tag aufs Neue versuche, meine 26 zu retten, wollte ich ihnen von der Pöbelei am Freitag (gibt es das Wort 'Pöbelei'?) erzählen. Natürlich mit einem pädagogischen Gedanken im Hintergrund.
„Ich möchte euch etwas erzählen. Ich habe letzte Woche etwas erlebt, so etwas ist mir noch nie passiert.“
Tuncer grinst über beiden Ohren und fragt: - „Haben Sie geduscht?“ Nicht schlecht für einen Anfänger.