Montag, 17. März 2014

Und 14 Nächte

"Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen."
 Lucius Annaeus Seneca

In zwei Wochen ist die Präsentationsprüfung. Schüler bereiten sich ein halbes Jahr auf die Prüfung vor, kommen am Prüfungstag in die Schule, halten ihre Präsentation, wir stellen Fragen. Fertig. Eigentlich bereiten sich die Jugendlichen sogar länger, als ein halbes Jahr, auf die Prüfung vor. Die Termine werden nämlich bereits zu Anfang des 10. Schuljahres veröffentlicht. Im Normalfall. Bei meinen Schülern sieht der Normalfall anderes aus. Man bereitet sich für die Pürfung eine Nacht vorher vor. Im besten Fall, eine Woche vorher.

"Das ist ja der letzte Beratungstermin vor der Prüfung. Dann zeigt mal, was ihr bisher gemacht habt."
"Hä? Wie gemacht? Hatten wir Hausaufgaben?" Betül, Nafisa und Timm gucken mich an, als würde ich von ihnen die Erklärung der Relativitätstheorie verlangen.
"Beim letzten Beratungstermin gab es auch für euch Aufgaben, die ihr bis heute erfüllen solltet."
"Ah so... ich wusste nich, dass bis heute. Ich schwör, ich wusste nich.. Krieg ich jetzt 6?"
"Nein Nafisa, jetzt nicht. Aber höchstwahrscheinlich in der Prüfung. Habt ihr denn schon irgendetwas für die Prüfung vorbereitet?"
"Natürlich haben wir." antwortet Timm total selbstsicher. "Ich habe mich schon über dieses Land informiert, wo es Kindersoldaten gibt. Wie heißt das noch mal?"
"Super, hast du dich informiert, wenn du nicht mal weißt, wie das Land heißt. In eurer Prüfung soll es um Somalia gehen."
"Ah stimmt."
"Wie heißt denn die Hauptstadt von Somalia? Wenn ihr euch sooo ausführlich bisher mit dem Thema beschäftigt habt, dann müsst ihr das im Schlaf können."
"Hmmm..." Nafisa scheint nachzudenken. "Afrika?"
"Neeein, Afrika ist der Kontinent auf dem Somalia sich befindet. Ich frage nach der Hauptstadt!?"
"Ah ich weiß! Kongo oder so?"
"NEIN! Leute ist es euer Ernst?? Die Prüfung ist in zwei Wochen und ihr kennt noch nicht mal die Hauptstadt des Landes, über das ihr referieren wollt??"
"Jaaa. Hauptstadt... Wer braucht Hauptstadt? Hauptsache ist doch, wir wissen, wie die Kinder Soldaten werden oder nicht?"
"Natürlich ist es wichtig... Aber ihr habt euch doch nicht umsonst für ein bestimmtes Land entschieden. Es geht darum, aus welchen Gründen die Kinder gerade in diesem Land in den Krieg ziehen müssen! Und in so einem Fall gehört das Kennen der Hauptstadt auf jeden Fall dazu."
"Machen Sie sich ma keine Sorgen. Ich hab schon mal Referat gemacht über Frauen in Indien. Ich nehme dem einfach für die Präsentationsprüfung!"
"Nafisa, Kindersoldaten in Somalia sind auch dein Thema! Da geht es nicht mal annähernd um Frauen in Indien! Du kennst das Thema bereits seit fast einem halben Jahr!"
Timm unterstützt mich. "Mädchen, geh sterben! Was für Frauen in Indien?"
"Timm! Danke für die Unterstützung, aber so sollte sie nicht aussehen!"
 
"Cüs, schreien Sie ma nich so..." Tatsächlich... ich habe geschrien.. Dann bin ich wohl wirklich sauer.
"Betül! Es sind nur noch 14 Tage bis zur Prüfung!"
"Und 14 Nächte. Voolll vieeel Zeit. Wie die Lehrer immer übertreiben. Soll ich mich jetzt niederknien, damit Sie sich beruhigen oda was?"
"Ist nett von dir, aber nein, du musst dich nicht niederknien. Nehmt euren Block und Stifte raus. Ihr werdet jetzt einiges mitschreiben müssen."
"Block und Stifte? Aber Sie haben gar nicht... " Timm traut sich nicht, den Satz zu vollenden. 
"Timm!"
"Ey, Frau Feynberg, beruhigen Sie sich mal. Sie brauchen bisschen Wodka!"
"Ich trinke keinen Alkohol. Was ich brauche, sind fleißige Schüler."
"Hä? Wie? Kein Wodka?"
"Nein. Nichts."
"Aber Sie kommen doch aus Russland?!"

Freitag, 14. März 2014

So krass bombe

"Um Erfolg zu haben, muß man aussehen, als habe man Erfolg."
Valentin Polcuch

"Schiebt bitte die Tische zusammen, damit wir uns alle hinsetzen können." Ich mag es nicht, vorne zu stehen. Als Oberlehrerin. Im Kreis unterhält und lernt es sich viel besser. Ich muss nicht stehen, um den Kiddies etwas beizubringen. Geht auch im Sitzen. Sitzen. Endlich. Warum habe ich mich heute morgen auch für die hohen Absätze entschieden? Schön doof. Schule darf man eigentlich nur in Turnschuhen betreten. Besonders wenn man sieben Stunden am Stück hat. 

"Uuuuuh Frau Feynberg. Absätze? Was ist mit den Ihre Nikes los? Verkaft bei Ebay?"
"Cüüüs, Junge. Weißt du, wie viele Nikes die hat? Als hätt Frau Feynberg die alle bei Ebay verkauft. Kein Plan hast du, Knecht du Elender." Önder muss einfach immer das letzte Wort haben und fährt fort. "Haben Sie vielleicht Date? Ah nein. Sie sind ja jetzt verheiratet. Leben vorbei, wa?"
"Eigentlich nicht. Alles gut bei mir. Aber danke Önder, dass du dir um mich Sorgen machst. Wirklich sehr lieb. Könnt ihr jetzt bitte die Tische zusammenschieben? Jetzt wirklich!"
"Ist Ihr Mann auch Russe? Wie heißt er? Oleg, Igor, Evegnij?"
Gülcan kommt auf mich zu. "Falsche Richtung Gülcan. Die Tische stehen jetzt hinter dir. Da kann etwas nicht stimmen."
"Ich wollt Sie nur sagen Frau Feynberg, Sie haben tooooodesabgenommen! Was geht Frau Feynberg, Liebe und so? Ich hab bei Galileo gesehen, wegen Liebe nimmt man tooodes ab. Beste Diät."
Gülcans Blick wandert an mir hoch und runter. Ich fühle mich etwas beobachtet. So ziemlich beobachtet.
Mandy weiß es besser. "Was Liebe? Ich sag dir, nur Sport. Einzigste, was hilft. Ey Frau Feynberg, Sie können bald bei diese Models-Sendung mitmachen. Dann brauchen Sie nicht mit uns ihr Geld verdienen. Wir sind schon oberanstrengend, oda?"
"Mandy, es gibt keine Steigerung von 'einzig'."
"Was?"
"Einzige. Es heißt einzige. Du bist gerade die einzige, die ihren Tisch nicht schiebt."
"Aaalleee, wie Sie übertreiben! Ich wette, Sie gehen zu Fuß immer zu Ihre Familie. Welche Stadt wohnen Sie noch mal?"
"Weit weg. Die Tisch..."

"Sag ich doch. Also. Laufen Sie nach weitweg? Kein Zug? Oder machen Sie diese Fahrrad bei Fitness?"
"Reicht jetzt Mädels! Können wir Unterricht machen?"

"Frau Feynberg, ich wollt Sie nicht beleidigen." Gülcan hebt beide Hände hoch. Als wäre sie komplett unschuldig.  
 "Aber Sie haben kraaaas abgenommen. Also, vorher, da sahen Sie auch Bombe aus. Aber jetzt. So krass Bombe. Frau Feynberg, sind Sie beleidigt?"

Montag, 10. März 2014

Hast du auch andere Themen?

"Ein Psychotherapeut ist ein Mann, der dem Vogel, den andere haben, das Sprechen beibringt."
Wolfgang Gruner

Hast du auch andere Themen? Wenn du dabei bist, sprechen wir nur über Schule! Andauernd regten sich meine Freundinnen auf. Ja, das Thema 'Schule'. Überall und immer. Das konnten irgendwann weder meine Familie noch meine Freunde hören. Egal wie lustig es war. Dabei hatte ich so viel zu erzählen. Schwänzer, Schlägereien, Beleidigungen, Respektlosigkeit, sich nicht kümmernde Eltern, Diskussionen, keine Angst vor irgendwelchen Sanktionen. Und ich mittendrin. Eine junge Lehrerin mit zwei Jahren Referendariatserfahrung. Hilfe, dachte ich. Und dann waren da noch die schönen Momente eines Lehrerberufs. Momente, die überwogen. Erfolgserlebnisse der Schüler, kleine Aufmerksamkeiten und Lob für mich, Geschichten der Jugendlichen, kooperierende Eltern, Dankbarkeit in den Augen der Schüler, Lachen und immer wieder das Gefühl,  den richtigen Job gewählt zu haben. Trotz allem.

Bis zu diesem Samstag Abend. Als wir unterwegs waren, um Spaß zu haben. Und ich wieder über Schule sprach. Weil mich die Erlebnisse so sehr beschäftigten. So geht's nicht weiter, Lea, sagten meine Mädels. Irgendwann gibt es auch einen Feierabend.  Auch bei dir. Es ist Samstag. Da arbeitet man nicht. Da denkt man auch nicht an Arbeit. Da genießt man das Leben. Schreib doch alles auf, sagten sie. Schreib ein Tagebuch, schreib Zeitungsberichte, schreib ein Buch. Schreib irgendwas, aber schreib. Und leb dein Leben.



Also habe ich angefangen zu schreiben. Buchstabe für Buchstabe. Wort für Wort. Geschichte für Geschichte. Und war so dankbar für diesen Samstag, für diesen Ratschlag. Schreiben. Das ist es.  Schreiben, um sich mitzuteilen. Schreiben, um die Menschen da draußen zu informieren. Menschen, die sich über die Müdigkeit der Lehrer lustig machen. Von einem Halbtagsjob könne man ja nicht müde werden. Auch die Menschen, die Reformen in die Wege leiten, um Geld zu sparen. Menschen, die zum letzten Mal in der Schule waren, als sie ihren eigenen Abschluss machten. Menschen, die Schicksäle in der Hand haben.

Informieren über diese Jugendlichen. Die viel zu schnell abgestempelt werden, viel zu selten eine Chance bekommen, und in viel zu schrecklichen Umständen aufwachsen. Auch ich war so ein Ausländerkind. Auch ich hätte so eine Jugendliche werden können. Und später genau so eine Erwachsene. Die als asozial beschimpft werden, Hartz IV kassieren und keinen Sinn in der Bildung sehen würde. Bei mir lief es aber anders. Bei mir lief es. Ich hatte Chancen. Viele Chancen. Ich hatte Liebe. Viel Liebe.

Ich habe also angefangen zu schreiben. Um Fragen zu stellen und Antworten zu vermuten. Um aufzuwecken. Um meinen Spaß mit anderen zu teilen.

Mittwoch, 5. März 2014

Mich abreagieren.

"Es ist immer schwer, etwas zu kritisieren, was man nicht kennt."
Thomas Bubendorfer


Mich stört etwas. Es stört mich ziemlich. Ziemlich sehr. Bei der ganzen Lehrer-Versager-Diskussion fehlt ein entscheidender Punkt. Die Politik, die Verwaltung. Wir, die Lehrer, haben die Entscheidungen, die da oben getroffen werden, auszuführen. Wir müssen mit allen Reformen leben. Wir sind ja Lehrer, ausgebildete Menschen, wir schaffen das schon. Wir schaffen alles. Wir müssen alles schaffen. Friss oder stirb. Hat sich irgendjemand die genauen Umstände angeschaut, unter denen wir arbeiten? Inklusion ohne Sonderpädagogen, nur mit uns, die kein Sonderpädagogik-Studium von mindestens acht Semestern hinter sich haben.  Reformen, die ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt werden. Nur mit Rücksicht auf Finanzen- möglichst viel sparen. Schwierigste Schüler mit grausamsten Familiengeschichten ohne Sozialpädagogen. Supervision für Lehrer weit und breit nicht zu sehen. Differenzierung ohne Geld für Kopien oder gescheite Bücher. Schulpsychologen, die alleine für sieben Schulen gleichzeitig verantwortlich sind. Also bitte, nicht immer auf die Lehrer! Es gibt genug andere Versager, die (mit) für das Desaster an deutschen Schulen verantwortlich sind! Bei uns, an einer Hauptschule, gibt es wahrscheinlich die fähigsten Lehrer überhaupt. Weil sie das alles aushalten und dabei noch ihren Optimismus behalten. Keiner will Lehrer werden und mit den schwierigsten der Schwierigsten arbeiten. Aber jeder fühlt sich berufen und qualifiziert dafür, Lehrer zu kritisieren.
Ich glaube, ich gehe jetzt eine Runde laufen. Mich abreagieren. Und danach korrigieren, Unterricht vorbereiten, Eltern anrufen. Ein Hoch auf unseren Halbtagsjob! Cheers.

Montag, 3. März 2014

Dinge, die so oft so wenig zählen.

"Einen Zyniker erkennt man daran, daß er von jedem Ding den Preis, aber von keinem den Wert kennt."
Oscar Wilde


Ich bin dieses Wochenende weit gefahren. Mit dem Zug. Eine Freundin von mir sagt, wenn du zu viele Komplexe hast und an dir zweifelst, fahr Bahn und guck dich um. Dann hast du plötzlich keine mehr.
Ich sitze also in diesem Zug. Die Fahrkarte war teuer. Ziemlich teuer. Mist, denke ich, Trinken! Ich habe vergessen, etwas zum Trinken mitzunehmen. Also spaziere ich zum Bistrowagen und gucke mir die Getränkekarte an. Wieder ziemlich teuer. Aber meinen Durst interessieren die Preise nicht. Also stelle ich mich an. Vor mir steht eine Frau, die nur Englisch spricht. Im Gegensatz zur Bahnmitarbeiterin. Die spricht nur Deutsch. Jedenfalls möchte die Frau auch etwas zum Trinken kaufen. Von den ca. 3 EUR für ein Getränk, möchte sie aber einen Euro in 10 cent Stücken zahlen. Da versteht die Bahnmitarbeiterin keinen Spaß. Sie wäre doch keine Tschänging-Maschine. Oder Benkautomet. Hmm, denke ich. Bin ich doof oder sieht die Mitarbeiterin da etwas anderes als ich? Ich sehe nämlich ein 2-Euro-Stück und zehn 10-Cent-Münzen. Geld halt. Geld ist Geld. Man könnte meinen, da würden 3 Euro in 5-Cent-Münzen liegen. Aber selbst wenn. Auch hier ist Geld Geld. NO, das smol Geld nehme sie nicht. Sie wäre ja keine Tschänging-Maschine. Ich gucke mich um. Und kann nirgendwo ein Schild entdecken, auf dem möglicherweise die Münzen stehen könnten, die man hier annimmt. Weit und breit kein Hinweis. You want trinken or no trinken? Trinken? Money big! Die Dame vor mir ist leicht verzweifelt. Sie scheint, echt Durst zu haben. Aber zu viele Münzen. Kein Erbarmen. Die Frau muss weg. Mit ihren Münzen. Ohne Trinken. 

Letzte Woche war ich bei einem Amt. Einem sehr wichtigen. Mit lauter wichtigen Stempeln und vielen Türschildern, die auf lauter wichtige Menschen verweisen. Ich war zum dritten Mal da. Weil man mir die beiden Male davor, eine falsche Information mitgeteilt hatte. Ans Telefon geht den ganzen Tag keiner, also muss ich persönlich hin. Zum dritten Mal. Ich brauche unbedingt so ein wichtiges Papier. Ein bestimmtes. Gibt es nur in diesem Amt. Ich drehe also alles so hin, dass ich später zur Schule kommen kann und stehe um 8:25 Uhr vor der Tür, die ich benötige. Ich muss unbedigt die Erste heute sein. Sonst haut es in der Schule mit dem Vertretungsplan nicht hin. Um 8:28 Uhr guckt ein Mitarbeiter  aus der Tür und guckt mich verwundert an. Die Sprechstunde würde erst um 8:30 Uhr beginnen, ich solle doch noch einmal Platz nehmen. Nein, erkläre ich dem Herren. Geht nicht. Bei meinem dritten Besuch muss ich nämlich das Papier bekommen. Jetzt wirklich. Ich muss die Erste sein. Der Herr zuckt mit den Schultern. Nach weiteren 30 Minuten und zahlreichen wichtigen Menschen in lauter wichtigen Zimmern, sitze ich vor dem allerwichtigsten Menschen. Der zuckt eine Akte. Frau Wirbelwind? Neeein, Frau Feynberg bin ich! Oh. Eine falsche Akte, die er da in der Hand hält. Er bräuchte noch einmal meinen Personalausweis. Personalausweis? Aber den habe ich doch vorne abgegeben. Ah so, ja. Nach 45 Minuten und einem kleinen Nervenzusammenbruch verlasse ich das Amt. Endlich halte ich das Papier in der Hand. Die Verwaltungsgebühr muss ich natürlich trotzdem zahlen. Trotz der 100.000 Fehler, die alle möglichen wichtigen Menschen in diesem wichtigen Amt da gemacht haben.

Am Dienstag war ich bei einer Lesung. Einer sehr interessanten. Von einer sehr süßen und begabten Autorin. Neben mir saß ein Mann, der während der Lesung Quizduell auf seinem Handy gespielt hat. Alle fünf Minuten guckte er hoch und lächelte. Durchaus interessiert. Hä, denke ich, Typ, kannst du nicht zu Hause Quizduell spielen? Das wäre billiger für dich. Den Eintritt für die Lesung müsstest du dann nämlich nicht zahlen.

Und die Moral von der Geschicht': Kein Wunder, dass meine Schüler mir kein Wort glauben. Frau Feynberg ist nur Lehrerin. Sie hat kein Plan vom Leben, jaaa. Ich guckte mich also letzte Woche um. Mehr als mir lieb ist. Und merkte: ich habe wirklich keinen Plan vom Leben. Ich verlange nämlich von meinen Schülern Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlich, Respekt und all die anderen schrecklichen Dinge, die so oft so wenig zählen.
Es ist die Welt da draußen, die mir Sorgen bereitet. Da gibt es zu viele Menschen, die respektlos, unhöflich sind und die ihren Aufgaben nicht so nachgehen, wie sie das sollten. Der Schüler, dem ich das alles beigebracht habe, geht also raus, raus aus der behüteten Schule und merkt: Ups, es gibt genug andere, die unhöflich, respektlos und unfähig sind. Und die alle kommen irgendwie im Leben weiter. Diese Werte, die ich also mühevoll versucht habe, diesen Jugendlichen beizubringen, spielen also plötzlich keine Rolle mehr. Gar keine. Denn es geht ja auch ohne. Und einfacher ist es auch noch.

Mittwoch, 26. Februar 2014

Wie ein russischer Hund

"Der größte Schauspieler der Welt ist mein Hund. Wenn er Hunger hat, tut er so, als ob er mich liebt."
Marlon Brando

Heute ist ein echt schöner Tag. Die Sonne scheint, der Frühling kommt, wärmer wird es auch langsam. Mein Tag beginnt heute erst mit der 4. Stunde. Ich bin gut gelaunt. Das Problem ist, meine Schüler sind es auch. Und denken an alles. Außer Unterricht.
Zuerst begegne ich Abdul. "Uuuh, Frau Feynberg, auch schon da? Ausgeschlafen?"
"Abdul, nur weil ich erst jetzt zur Schule komme, heißt es nicht, dass ich vorher nicht gearbeitet habe."
"Aaalleeer, Frau Feynberg, geben Sie ruhig zu. Sie haben bis gerade geschlafen? Ich sehe es an Ihren Augen."
"Aha. Und was genau siehst du in meinen Augen?"
"Die sind so gechillt. Obwohl... Sie sind immer gechillt. Ich glaube, Frauen sind eh immer gut gelaunt. Außer eine Woche im Monat."
"Abdul, du Spasst, du Elender! Wie der Frauen beleidigt. Cüüüsss, Übertreiber!" ruft Nafisa empört.

Ich schaue mich um und sehe, dass Can an der Tafel steht. In der Hand hält er Karteikärtchen. Er möchte eindeutig etwas zum Unterricht beitragen. Toll. Jemand, der doch an Unterricht denkt.
"Guten Morgen, Can. Was machst du da?"
"Ich will Gruppenarbeit machen. Weil ich war doch letztes Mal nicht da. Und Antonio hat gesagt, die konnten nur wegen mir nicht machen. Jetzt will ich aber. Ich bin ja da."
"Can, du hattest verschlafen!"
"Ja und? Ich hab doch Entschuldigung geschrieben. Hier." Er reicht mir ein zusammengeknülltes Blatt. 
"Can, ich werde dein Verschlafen nicht entschuldigen. Verschlafen kann man nicht entschuldigen."
"Aber ich hab doch Entschuldigung geschrieben. Soll ich noch mal schöner schreiben? ich schwör, ich kann!"
"Can! Du hast verschlafen! Du warst nicht beim Arzt, du warst nicht krank. Du! Hast! Verschlafen! Du kannst mir höchstens eine schriftliche Ausarbeitung deines Referates geben. Wenn ich nett bin, korrigiere ich die. Aber du kannst jetzt nichts präsentieren. Jetzt brauche ich die Zeit für ein anderes Thema."
"Was Sie für ein Film hier machen! Nur wegen einmal verschlafen..."
"Can, du warst alleine in der letzten Woche zweimal zu spät. Vom letzten Halbjahr rede ich gar nicht. Besitzt du keinen Wecker oder wo liegt das Problem?"

Can geht mit keinem Wort auf meine Frage ein. "Biiiitteeeee, lassen Sie mich präsentieren. Soll ich noch eine Entschuldigung schreiben?"
"Nein. Du sollst pünktlich kommen. Am besten fünf Minuten vor dem Klingeln."
"Cüüüs, fünf Minuten? Soll ich vielleicht in der Schule übernachten?? Sie haben zerissen!"
"Can, ich habe noch nie verschlafen. Ich bin jeden Tag mindestens eine halbe Stunde vor dem Unterrichtsbeginn da! Von dir verlange ich nur fünf Minuten."
"Wie Sie zerreissen! Reicht doch. Wie ein russischer Hund. Gibt's russische Hunde?"

Dienstag, 25. Februar 2014

Sooo tooodesviele Aufgaben


"Aufgabenstellung: Erklären Sie die Welt und geben Sie zwei kurze Beispiele."
Unbekannt


Max hat sich beim Tischler um einen Ausbildungsplatz beworben. Das Vorstellungsgespräch war härter als gedacht. Der Ausbilder wollte nämlich von Max wissen, wie der jetztige Bundespräsident heißt und welcher Partei Angela Merkel angehört. Die Partei hat er noch hinbekommen, beim Bundespräsidenten wurde es schon schwieriger. Ob er nun diesen Ausbildungsplatz bekommt, weiß Max noch nicht. Der Chef wirkte wohl nicht so begeistert. Allgemeinwissen sollte man haben, sagte er. Und die Namen der wichtigsten Politiker kennen. Die Schwerpunkte der politischen Parteienprogramme wären auch nicht schlecht. Man müsse doch wissen, was momentan in seinem Land geschieht. Irgendwo geschieht es ja auch gleichzeitig mit einem selbst, wenn die Politiker was bestimmen. Recht hat er, finde ich. Obwohl das Gespräch gestern war, ist Max' Schockzustand noch allzu gegenwärtig. 
"Was hat denn das mit Tischler zu tun? Hat Holz auch eine Partei oder was? Warum muss ich denn sowas wissen?" Finde ich super, dass Max vor der gesamten Klasse seinen Emotionen freien Lauf lässt. Ein Fallbeispiel am eigenen Leib erfahren. Eine Ausbildung zu finden, ist wohl doch nicht so einfach, wie viele hier denken. Und die Devise "wird schon" kann man wohl auch nicht immer anwenden.

Da ich spontan und flexibel bin, reagiere ich sofort auf das politische Desaster. Nach einer kurzen Umfrage, verstehe ich, dass kein einziger in diesem Raum außer mir dieses Vorstellungsgespräch überlebt hätte. Zum Glück haben wir Internet und ich weiß, wo ich suchen muss. Also gucke ich auf einer schlauen Seite und finde ein schlaues Filmchen.
"Oh nee, muss das sein? Fernsehen kann ich zu Hause gucken!" meckert Mirko. "Können Sie mich mal wecken, wenn der Film vorbei ist?"
"Mirko! Zu Hause guckst du bestimmt nicht diese Art von Fernsehen."
"Doooch, ich guck auch mal Nachrichten. Kennen Sie diese bei RTL 2?
"Kenne ich. Und genau deswegen solltest du dir auch andere Sendungen anschauen. Wenigstens ab und zu. Also, Augen auf! Und damit ihr genau hinguckt, gibt es noch ein Arbeitsblatt zum Film."
Zum Glück habe ich meinen USB-Stick mit und somit auch meine Arbeitsblattsammlung. Für jeden Fall des Lebens. 
Mandy bekommt das Blatt zuerst. Mit ganz großen Augen dreht sie das Blatt hin und her. Hin und her. "Abou, ich dreh die Seite so um und da sind sooo toooodesviele Aufgaben! Alles nur wegen dir, Max!"
Auch Önder ist derselben Meinung. "Können wir nicht nur Film gucken? Film gucken UND Fragen machen. Bin ich Frau oder was, dass ich telefonieren und Finger lackieren auf einmal kann??"
"Du hast die Aufgabe falsch verstanden. Du sollst nur den Film gucken und ein paar Fragen beantwortet. Von Nagellack war nicht die Rede! Auch nicht vom Telefonieren! Wenn du aufmerksam guckst, ist die Aufgabe quasi schon gelöst!"
Önder legt das Blatt demonstrativ zur Seite.
"Kommt schon Leute! Ich verlange doch hier keine Matheabiturklausur von euch. Önder!"
"Neeeein. Ich verspreche Sie, ich guck und zu Hause mach ich die Hurensohnfragen. Ich kann das Sie auch beweisen. Jetzt noch."
"Ah ja? Und wie?"
"Ich kann schwören!"
"Danke. Aber nein."
Nach vielen Diskussionen, drücke ich auf Play. Kaum jemand hält einen Stift in der Hand. Wenige gucken wirklich den Film. Melina guckt in den Spiegel und unterhält sich dabei mit Mandy. Nicht wirklich leise.
"Melina! Pack den Spiegel weg und guck den Film!"
"Was stört Sie denn? Ich hab nur bisschen meine Lippe angeguckt. Aber nur bisschen. Sie können doch weitergucken!"

Nicht mal Max' Erfahrung bringt die Schüler zur Einsicht. Auch das lebendigste Beispiel ist nicht lebendig genug.