Samstag, 10. März 2012

Meine Welt?

Es wäre dumm, sich über die Welt 
zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum."
Marcus Aurelius


Es ist spät. Ich hatte einen tollen Abend- lustig und entspannt. Am Anfang. Aber der Tag beschäftigt mich dennoch. Ich verstehe es nicht. Und ich habe diese Parallelwelten satt. Naja, mein Verstand versteht schon, aber die Vernunft spricht immer wieder dagegen. Ich habe es satt. Die Aggressivität, Unhöflichkeit, Desinteresse, Bildungsferne, Unzuverlässigkeit, Selbstverständlichkeit, Hass, Herablassendes Behandeln von anderen Bevölkerungs- bzw. Religionsgruppen. Ich (die meisten anderen Lehrer wohl auch) versuche jeden Tag diese Jugendlichen zu besseren Menschen zu machen. Ich versuche sie zu ermutigen, aus ihrem Leben etwas zu machen, Respekt voreinander und Verständnis füreinander zu zeigen.
Ich bewirke sicher etwas. Wahrscheinlich mehr, als ich denke. So sehr ich meine Schüler mag, mit ihnen Spaß habe und jeden auch als Menschen schätze, frage ich mich jeden Tag aufs Neue: Bewirke ich genug? Lohnt sich der tägliche Kampf und das Weltverbessererspiel?

Nach 30 Minuten erfolglosen Kampf, habe ich heute den Unterricht abgebrochen. Mich hingesetzt und abgewartet. Da ging nichts mehr. Meine Stimme konnte aufgrund der Lautstärke nicht wahrgenommen werden, ich wusste nicht, welches Handgemenge ich zuerst auseinander nehmen soll und jeden einzelnen ansprechen und ihn zur Ruhe ermahnen funktioniert ja auch nicht wirklich. Ja, man könnte jetzt sagen: ‚Die ist jung, hat noch keine Erfahrung, blabla..’ Den Kollegen, die schon 30 Jahre im Beruf sind, geht es in solchen Klassen nicht anders.
- „Wie? Sie machen jetzt nix mehr? Kein Unterricht? Nicht mal abschreiben?“ Und plötzlich war die Verblüffung größer, als die Lust den Unterricht zu sabotieren. - „Kann ich dann aufs Klo?“ Komische Welt.

Angefangen hat alles mit Lukas. Er kam zur 3. Stunde. Sein Vater sagt, das mit der Verspätung wäre okay. Auf meine verwunderte Nachfrage, antwortet er: - „Mein Vater sagt, man ist nicht ganz schuld, wenn man zu spät kommt. Wenn die Politiker die rote Ampel so lange machen. So 5 Minuten. Da kann man nur langsam weiterfahren  oder gehen, da ist man doch nicht selbst schuld!“ Danke, lieber Vater von Lukas! Da erzähle ich jeden Tag von morgens bis abends, wie wichtig doch Pünktlichkeit sei. Gerade im Berufsleben. Wer nicht pünktlich ist, kann gefeuert werden usw. Und der Herr Vater von Lukas macht mir innerhalb von wahrscheinlich nicht mal einer Minute alles kaputt. Lukas glaubt mir nie wieder, sollte ich ihm noch einmal so einen Schwachsinn wie ‚kommst du zu spät, wirst du bestraft’, erzählen.
Weiter ging es mit 10 Fragen, ob wir denn nicht etwas spielen können und noch mal 10 Fragen, ob wir denn nicht früher gehen können. Komische Welt.

Dann haben sich Dejan und Can geprügelt. In der großen Pause- danke dafür! Unterricht war trotzdem nicht mehr möglich. Zeugenaussagen, die zu Papier gebracht werden müssen, Gespräche mit den beiden, suchen nach einer Lösung. Die Aufregung und Sensationsgier in der Klasse muss ich wohl nicht erwähnen. Den Beginn dieser Prügelei (was ist eigentlich der Unterschied zu Schlägerei?) bildete ein falscher Blick und irgendwas mit ‚deiner Mutter’. Und viele andere böse Wörter waren auch dabei. Beide wollten sich natürlich nach der Schule mit dem jeweiligen Familienclan treffen, um die Sache ‚zu klären’. - „Ich hole meine Cousins, ihre Familie und Familie von ihre Familie. Und dann ficke ich deine Mutter, Hurensohn!“ 
Beängstigende Welt.

Und dann noch solche Gespräche, wie:
- „Gibst du Geodreieck, du Hund!“
- „Nein!“
- „Ich habe gesagt, du sollst mit Geodreick geben, du dreckige Missgeburt!“
Oder:
- „IhreS Auto ist schön, Mrs. Johnson!“
- „Du bist so dumm, das heißt IhreN Auto ist schön!“
„Ihr bekommt bis Montag eine Hausaufgabe von mir. Formuliert diesen Satz grammatikalisch richtig!“
- „Nee, Wochende is Wochenende. Das is nicht so Hausaufgaben und arbeiten. Nur chillen geht.“
Zukunft-mit-Fragezeichen-Welt.

Abends unterwegs mit Freundinnen. Jugendliche pöbeln uns an. Mitten in der Stadt. Ungefähr in dem Alter meiner Schüler. Wir sind mindestens doppelt so alt. Wie wir aussehen. Wie Juden- hässlich und dumm. Nichts passiert. Sie verabschieden sich ziemlich schnell.

Diese Welt macht mir Angst. 

Donnerstag, 8. März 2012

Beliebt oder nicht beliebt

“Ruhige, stille Hochachtung ist mehr wert als Anbetung, Verehrung, Verzückung."
Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge


Ich bin müde, sehr müde. Deswegen gibt es diesmal nur eine Kurzversion des Tages.

Heute war Elternabend. Die Schüler haben mich also den ganzen Vormittag genervt. Was werde ich den Eltern sagen, wie werde ich es den Eltern sagen, über wen werde ich den Eltern was sagen? Im Endeffekt stellt sich die Angst der Kiddies - so wie jedes Mal - als unberechtigt heraus. Von 26 erscheinen maximal 14 Eltern zum Elternabend und zwar die, die ich nicht unbedingt sehen muss. Alle schütteln mit dem Kopf, sagen, dass sich etwas ändern muss, jeder verspricht mit seinem Kind zu sprechen. Am nächsten Tag ist das Klassenbuch wieder voll. Weil die Eltern der wirklich problematischen Kinder unerreichbar sind. Unendliche Geschichte.

Die Klassenlehrerin der Parallelklasse und ich machen den Elternabend meistens am selben Tag. Gleiches Publikum, gleiche Probleme. Und unsere Klassenräume befinden sich auch nebeneinander. Kann man zusammen vorbereiten, sich verschiedene kluge Dinge einfallen lassen und hinterher drüber sprechen. Allerdings beginnt mein Elternabend heute 30 Minuten später. Ich sitze also an meinem Schreibtisch und gehe noch einmal die Infos durch, die Klassentür steht offen. Die Kollegin hat schon angefangen. Ein paar Minuten später kommt noch ein Vater angehetzt. Ich habe ihn vorher noch nie gesehen, muss also zu der anderen Klasse gehören. Und tatsächlich: - „Entschuldigung, ich suche Klasse von Frau Kirschner.“
„Gleich die nächste Tür.“ Dann bleibt er stehen, guckt mich genauer an und sagt:
- „Du bist aber nicht so beliebt?!“ Und geht weiter.
Ähhhm, sprachlos.

Mittwoch, 7. März 2012

Was kostet ein Pferd?

„Klug fragen können ist die halbe Weisheit.”

Francis Bacon

- „Ihr Ernst? London liegt in Europa??“ Murat tut so, als hätte er gerade erfahren, dass er den Lottogewinn abgeräumt hat, überraschter geht es nicht.
„Was dachtest du denn? In Afrika?“
- „Kraaas...“
- „Mrs. Johnson?! Das ist doch da, wo diese Königin ist?“ Oh nein, bitte nicht schon wieder in Richtung ‚Ich werde Prinzessin’. Und bei Betül kann das ja durchaus vorkommen, wie wir wissen.
„Genau, Queen Elisabeth II.“
- „Ich hab gehört, die Lady bekommt eine ganze Jacht zum Geburtstag! Wozu braucht DIE eine Jacht? Und wieso so teuere Geschenke? Soll die mir lieber Geld geben. Mrs. Johnson, was kostet eine Jacht?“
Can ist schneller mit der Antwort. - „Die kostet bestimmt 5 Millionen!“
- „Bist du behindert?? Pferd kostet 5 Millionen! Eine Jacht kostet bestimmt Milliarden! Mrs. Jooohnson, was kostet ein Pferd?“
„Ich habe keine Ahnung!“
- „Ey Betül, sag ma nicht ‚behindert’ zu mir, sonst blocke ich dich Facebook!!“ Was für eine gefährliche Drohung, der Wahnsinn!
- „Aber Sie sind doch Lehrerin, Sie müssen wissen!“
„Nö, muss ich nicht. Und wozu brauchst du bitte ein Pferd?“
- „Stellen Sie sich vor, auf Pferd in Kreuzberg. Wie geil das wäre?? Ich lieeeeebe Kreuzberg! Ich will da mal leben. Mit Pferd in Hof.“ Schon witzig, meine Schüler... Die haben Wünsche..
„Zum Vorstellungsgespräch würde ich an deiner Stelle nicht auf dem Pferd angaloppiert kommen.“
- „Die nehmen mich doch eh.“
„Um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, musst du ein gutes Zeugnis vorlegen! Also, nimm ein Blatt raus und fang an zu schreiben, damit dein Zeugnis auch glänzen kann.“ Das prädige ich seit ich diese Klasse kenne. Gutes Zeugnis ist der Weg in die Berufswelt. Scheint noch nicht ganz angekommen zu sein. Ich erzähle es trotzdem immer wieder. Vielleicht kommt es ja doch irgendwann an.
- „Mrs. Johnson.. also Sie...“
„Abdul, du darfst jetzt nur etwas sagen, wenn du etwas zum Thema zu sagen hast. Geschleime ist auch verboten.“ Das interessiert ihn nicht.
- „Also, ich schwöre, Sie würden jeden Job auf diese Welt bekommen. Also nicht so. Aber Frisur bisschen stylischer, Schminke auf Gesicht. Und dann sehen Sie übertrieben gut aus. Ich sage es Ihnen.“ Abdul, mein persönlicher Stylingberater.

„Apropos England. Lasst uns zurück zum Thema ‚Industrialisierung’ kommen.“
- „Was das? Zuerst machen wir Ausbildung und dann Lokomotive und Arbeit und so? Ohne Sinn..“ Bülent versteht die Welt nicht mehr.
„Na, weil das eine zu Berufskunde und das andere zu Geschichte gehört. Ab und an auf den Stundenplan schauen, lohnt sich!“
- „Ah so, sagen Sie doch gleich!“
„Du darfst auch mit der Hausaufgabe anfangen.“
- „Hab nicht gemacht.“
„Weil?“
- „Weil keine Zeit..“
Habt ihr mir mir gestern nicht erzählt, was ihr alles am Wochenende unternommen habt? Fußball, Kino, ...?!“
- „Das ist ja auch Freizeit, da mach ich doch keine Hausaufgaben!“
So wird es nie was mit einem Ausbildungsplatz. Und mit einem Pferd auch nicht! So!

Dienstag, 6. März 2012

Krank, sehr krank. Und faul.

„Drei Wochen war der Frosch so krank, jetzt 

raucht er wieder, Gott sei Dank.“

Wilhelm Busch

Vor mir stehen zwei Jungs. Lukas und Murat.
- „Mrs. Johnson, mir ist so schlecht.“ Lukas hält sich am Bauch, sieht aber sonst eigentlich ganz gesund und munter aus.
„Und was ist mit dir, Murat? Dieselbe Krankheit?“
- „Nee, nur Begleitung.“
„Und nun?“
- „Können Sie meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass sie mich abholt?“
„Oh ja, Mutter anrufen ist gut. Kannst du bitte dann auch meine Mutter anrufen, damit sie mich abholt? Ich habe nämlich keine Lust mehr auf Schule!“
- „Hä??“
„Lukas! Du bist noch vor 5 Minuten quicklebendig auf dem Schulhof rumgesprungen und in Kunst ging es dir auch zu gut! Habe ich so gehört... Und auf einmal hast du Schmerzen, die man nicht mehr aushalten kann? Ab mit euch in die Klasse, ich komme jetzt sowieso hoch!“ Lukas sieht echt bedrückt aus. Wahrscheinlich hat er fest damit gerechnet, nach Hause gehen zu dürfen. Diese Heulsusen! Beim kleinsten Wehwehchen: „Ey Unterricht geht gar nicht mehr! Kann ich gehen??“
Paar Minuten später komme ich in die Klasse. Oh Wunder. Lukas scheint es besser zu gehen. Er schlägt nämlich gerade auf Deniz ein. Und sieht mich.
- „Gerade war mir noch schlecht. Und dann, plötzlich besser geworden.“
- „Mrs. Johnson, also ich hab wirklich Schmerz. Herzschmerz. Ich hab da so ein Mädchen gesehen. Ich bin so in sie interessiert. Können Sie sagen, was ich machen soll?“ Hmm, irgendwas stimmt da nicht. Warum fragt mich Dejan, der größte Frauenaufreißer dieser Welt -nach eigenem Verständnis- um Rat?

Ich erarbeite zusammen mit den Schülern ein Tafelbild. Danach soll jeder dieses in seinen Hefter übertragen. Schwierig. Ganz schwierig. Schon schreit Gülcan.
- „Hat jemand ein Blatt für mich?“
„Wo sind denn deine Blätter?“
- „Hab nur kariert. Umut gib ma Blatt.“
„Hab auch nicht.“
- „Daniel, krieg ich Blatt von dir?“
„Ich geb dir immer, kauf dir selbst welche!“ Recht hat er.
Dann wird der Sinn der Aktion klar. Gülcan beugt sich zu ihrer Tasche.
- „Dann muss ich ja mein eigenes Blatt aus meiner neuen Gucci-Tasche nehmen.“ Beim näheren Hinsehen kann man erkennen, dass es eine Tasche mit dem typischen Guccimuster ist. Überall die kleinen G’s.
- „Is die hässlich, kommt mit gefälschter Tasche in die Schule..“ Valmir muss natürlich einen Kommentar abgeben.
- „Is gar nicht gefälscht, du Opfer. Frag meine Mutter. Nur, weil du neidisch bist!“
- „Mrs. Johnson, darf ich Referat über Gucci machen?“
„Natürlich nicht. Wie soll das bitte zu einem unserer Themen passen??“
- „Voll unfair. Fatih durfte auch über Libanon machen und hat auch nicht gepasst!!“ Oh oh, Abdul ist wieder beleidigt. Spielt ja nicht wirklich eine Rolle, dass Fatih das Referat weder gemacht noch halten durfte. Alle Erklärungen zwecklos. Heute lieber nicht mehr ansprechen.

„Ihr habt noch sieben Minuten, um das Tafelbild abzuzeichnen!“
- „Wieso ausgerechnet 7? Nicht 10 oder 5?“
„Weil in genau 7 Minuten die Stunde endet.“
- „Ah so. Wie wenig Zeit Sie uns geben! Können Sie nicht Blatt für alle kopieren? Immer abschreiben, lesen, abschreiben!“
„Willkommen in der Schule!“ Und dann hat René wieder eine innovative Idee.
- „Ja, ich muss ja.. Kann ich Handy rausholen und Foto machen? Dann muss ich nicht mehr abschreiben.“ Wenigstens verlangt er heute keine Hausaufgabe per SMS. Schon mal ein Fortschritt.

Montag, 5. März 2012

Ist nicht meine Schuld


„Die Suche nach Sündenböcken ist von allen

Jagdarten die einfachste.“

Dwight D. Eisenhower

„Betül, wo ist die Unterschrift deiner Eltern?“
- „Welche Unterschrift?“
„Die Info für den Elternabend! Hast du die Unterschrift?“
- „Hab nicht.“
„Mit welcher Begründung?“
- „Weiß nicht.“
„Und wer weiß es dann?“
- „Weiß ich doch nicht, was wollen Sie denn??“ Eigentlich nur die Unterschrift. Und fast im selben Atmezug: „Fati, du verfickte Arschgeburt, halts Maul!“
„Betül! Eine andere Auswahl des Vokabulars wäre nett!“ Statt Betül, reagiert Fatih.
- „Ey, Mrs. Johnson, Sie sind doch Spezialistin. Sie müssen mir helfen. Sie hat mich geschlägt, da muss ich mich doch wehren!!“
- „Was soll ich denn machen, wenn er meine Mudda beleidigt?“ Ja, stimme ich zu. Da kann man einfach nicht anders reagieren... Betül wird heute zu den hoffnungslosen Fällen abgelegt. Ad acta. Dann gehen wir mal zum nächsten Fall.

„Fatih, wir haben ja schon alle mitbekommen, dass du heute da bist. Du bist jetzt mit dem Referat dran.“
- „Ich weiß.“
„Hast du dir ein Land, ein Mitglied der EU ausgesucht?“
- „Ja, Libanon!“
„Fatih, wir sind gerade bei der EU! Erinnerst du dich?“
- „Ja, aber ich wollte Libanon machen. Libanon ist beste. Machen Sie Ausnahme!“
„Leider Thema verfehlt! Und wo ist überhaupt dein Plakat?“
- „Ich hab PowerPoint gemacht. Hier USB. Aber Sie haben ja kein Computer hier, können wir nicht sehen!“ Oh doch, ich habe hier was...
„Hier Fatih, mein Laptop. Zeig mal dein Referat!“ Fatihs Augen weiten sich und für paar Sekunden ist er sogar sprachlos. Er geht langsam zum Laptop und... findet komischerweise keine Datei.
- „Ich schwör, ich hab gemacht. Ist verschwunden.“ Ja, magic...
„Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber das ist jetzt eine 6!“
- „Hä? Wieso? Ich schwör, ich habe gemacht. Gestern war noch da!“
„Auch wenn du es gemacht hast, du hast das Thema verfehlt!!“
- „Nur, weil ich aus Libanon komme!“ Nur deswegen.

Wir lesen gemeinsam einen Text und danach müssen die Schüler einige Fragen beantworten.
„Mandy, wo ist dein Buch?“
- „Wurde geklaut. Mathebuch auch.“
„Du hast Sie also nicht dabei?!“
- „Wieso glauben Sie mir nicht? Vorher lagen die noch hier und jetzt auf einmal weg.“ Irgendwie sind es heute zu viele Dinge, die verschwinden.
- „Aller, Mrs Johnson...“
„Ja, Tuncer?!“
„Wieso sagen Sie nix? Die Antwort steht gleich im ersten Satz und ich lese die ganze Seite! Aboou, als ob ich nix anderes zu tun hätte.“
„Was denn bitte? Außer lesen und Fragen beantworten??“
- „Ooook, bevor ich hier Ärger kassiere, ich lese schon. Aber ich lese nur für Sie!“ Immerhin.

Kurz bevor es klingelt, sage ich die Hausaufgabe an.
„Heute habt ihr alle bewiesen, dass ihr unglaublich zuverlässig seid! Deswegen schreibt euch die Hausaufgabe ganz groß auf und JEDER macht sie bitte! Bis morgen!“ Dann meldet sich Rene und meine Hoffnung auf gemachte Hausaufgaben platzt. Wie eine Seifenblase.
- „Mrs. Johnson, ich habe keinen Stift, können Sie mir SMS schreiben, damit ich Hausaufgabe nicht vergesse?“


Freitag, 2. März 2012

King of the unsere Klasse

“Das Schicksal macht nie einen König matt, ehe es 

ihm Schach geboten hat.”
Ludwig Börne

Yeah, 5. und 6. Stunde in meiner Klasse. 5. immer, 6. zur Vertretung. Ich freue mich. Besser als in einer Klasse zu vertreten, die man kaum kennt. Außerdem ist in meiner Klasse erstklassige Unterhaltung garantiert. Nee nee, ist schon gut so.

- „Mrs. Johnson, haben wir zwei Stunden mit Ihnen?“
„So ist es.“
- „Berufskunde und dann noch mal Berufskunde?“
„Ja.“
- „Ohne Sinn. Können wir nicht einfach nach der Schule nach Hause gehen?“
„Natürlich kannst du nach der Schule nach Hause gehen.“
- „Erklären Sie mir doch, erzieherische Sinn von zwei Stunden selbes Fach machen! Sie hatten doch Erzieherische. (Pause) Uni?! Man, Mrs. Johnson, Sie wissen doch, was ich meine!“ Natürlich weiß ich, was du meinst.
„Klar. Nach der sechsten kannst du gehen, wohin du auch immer willst.“ Emre seufzt extra laut. Das Leben ist aber auch wirklich hart.
- „Mrs. Johnson! Sie müssen ihm einen Döner aufs Blatt malen, dann macht er schon die Aufgaben!“ 

Plötzlich sehe ich, wie Fatih und Dejan einander boxen. Ich ahne es schon, alles nur Spaß. Dejan sagt immer wieder: „Das war geil! Mach noch mal! Ich hab krasse Muskeln!“
„Jungs, lasst das!“ Die beiden hören sofort auf.
- „Ok, ich hör auf. Aber kann ich dann kurz kacken gehen?“ Schon steht Dejan auf und geht in Richtung Tür.
„Lass mich kurz überlegen... nein!“
- „Kann ich dann was essen?“
„Wenn du was isst, dann willst noch mehr das, was du eben wolltest!“
- „Ich schwör, nein. Was trinken?“
„Das Einzige was du darfst, ist endlich aufhören, mir Fragen zu stellen!“ 
Fatih wacht wieder auf. - „Aller Junge, du bist wie Motor von lauteste Auto der Welt. Die ist auch nie ruhig. So ein ADS-Kind bist du.“ Danke für diese Diagnose, Herr Doktor.
„So Dejan, eine kleine Wette. Wenn du es schaffst, nur dann etwas zu sagen, wenn du dich meldest und dran genommen wirst, darfst du nach der 5. Stunde gehen.“
- „Walla, Ihr Ernst? Mach ich direkt!“
Emre steht die Aufregung ins Gesicht geschrieben.  - „Machen Sie auch mit mir Wette? Biiitttee!“
„Nö, nur Dejan darf heute mit mir wetten.“
Diesmal seufzt Emre noch lauter. Nur Dejan ginst zufrieden.
- „Emre, du Opfer! Das, was Mrs. Johnson sagt, is dann so. Mrs. Johnson, ich gehe Burger King, nehme Ihnen eine Krone und dann sind Sie King of ... ähm .... the ... ähm ... unsere Klasse!“

So lässt es sich ins Wochenende gehen. Übrigens, Dejan hat die Wette verloren.


Donnerstag, 1. März 2012

Lauter Zitronenbäume

“Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus!"
Isabel Gülck

Irgendwie werden die Schüler immer dreister, ich immer ratloser und die Bildungspolitik immer kreativer. Ich könnte theoretisch jeden Tag ‚kopieren’ und ‚einfügen’ benutzen, so wie Yunus bei seinem Referat. Passiert ja eh jeden Tag dasselbe. Keine Leistungen, freche Ausreden, Störungen, Auseinandersetzungen und Strafen, die nichts bringen. Nein, nennen wir es pädagogischer, Sanktionen. Sanktionen und Verabredungen, die nicht eingehalten werden. So wie:
-        „Ich räume doch nicht noch zusätzlich auf!“
-        „Ich komm doch nicht zum Nachsitzen.“
-        „Ich mach doch nix extra.“
Ja und dann? Dann gar nichts. Auf Eltern ist kein Verlass, auf alles andere genauso wenig.


Dafür haben unsere Chefs immer bessere Ideen. Nach den Osterferien bekommen wir Besuch von der Schulinspektion. Ich nenne die mal ‚das A-Team’ - die Weltverbesserer. Das sind ca. fünf Damen und Herren, die sich zwei Tage lang unsere Schule angucken. Zum größten Teil sind es ehemalige Lehrer, aber ein Elternvertreter ist auch dabei. Das A-Team schaut sich also unser Schulleben an. Sie kommen für 20 Minuten in den Unterricht rein, wahrscheinlich bei uns allen jeweils einmal. 20 Minuten sind natürlich schon fast zu viel, um zu erfahren, was in den einzelnen Klassen bzw. in der Schule los ist! Des Weiteren werden Lehrer, Schüler, Schulleitung, Hausmeister, Sekräterin und die Eltern interviewt. Während der beiden Tage macht sich das A-Team also ein Bild von der Schule. Nach der Veranstaltung verfasst das A-Team einen mehrseitigen Bericht und stellt diesen für alle zugänglich ins Netz. Der Zweck des Ganzen? Schule transparent machen, Probleme aufdecken und bei diesen ggf. helfen. Sollte dem A-Team etwas nicht passen, kommen die ein Jahr später wieder und erwarten, dass die aufgedeckten Probleme gelöst werden. Wieder so ein Versuch, Schule zu verbessern, ohne Geld reinzustecken.

Justin (der jetzt wieder in der Klasse ist) und Dejan haben schon verkündet: 
- „Walla, wir sind dann extralaut, wenn die kommen.“ 
Daran zweifele ich keine Sekunde.
Das A-Team soll mir doch bitte insofern helfen, dass  es mir sagt, was ich konkret mit Abdul, Justin, Dejan, ... machen soll, wenn sie den Unterricht sprengen, zum Nachsitzen nicht erscheinen und mit den Eltern keine Zusammenarbeit möglich ist! Hier brauche ich bitte Hilfe!!
Und aktuell zum Thema, weil ganz Berlin über die Wiederverbeamtung der Lehrer debattiert, um zu verhindern, dass gerade die jungen Lehrer in die anderen Bundesländer abwandern.
Wir wissen jetzt schon, in welchen Bereichen das A-Team Defizite aufdecken wird. Bei der Differenzierung. Bei den Sekundarschulen war geplant, dass man zusätzlich zu inneren (also unterschiedliche Aufgaben für unterschiedliche Niveaustufen im normalen Unterricht) auch äußere Differenzierung durchführt. Das bedeutet, dass in Hauptfächern in Kursen unterrichtet wird. Die Schüler einer Klasse werden also in G- und E-Kurse geteilt- je nach Leistung. Diese werden unterschiedlich benotet. Super Idee, aber wie macht man so etwas, wenn man keine Lehrer zur Verfügung hat?? Und Räume für die unterschiedlichen Kurse auch nicht. Da dieses Pflicht ist, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Wer mehr kennt, soll mal schreien. Entweder man steckt alle G-Kurs und E-Kurs jeweils in eine Klasse, so dass wir wieder bei dem Prinzip schlechte Klassen, gute Klassen wären. Oder aber ein Lehrer unterrichtet beide Kurse auf einmal. Sprich, die Klasse bleibt in der Zusammensetzung, in derselben großen Gruppe und der Lehrer denkt sich qusi für eine Stunde zwei Unterrichtsmodelle und zwei verschiedene Arbeitsblätter aus. Für die schlechteren und für die besseren. Wie differenziert man also ohne Lehrer??

Ja ja, Berlin und das ewige Lehrerproblem. Wir haben zu wenige, wie so viele andere Schulen auch. Nicht nur, dass Berlin die Lehrer nicht verbeamtet. Bis vor einem Jahr gab es auch überwiegend befristete Verträge. Wenn man einen Einjahresvertrag nach dem Referendariat in der Tasche hatte, konnte man sich glücklich schätzen. Es gab nämlich auch welche, die mussten nach drei Monaten wieder zittern. Ich glaube, mittlerweile bekommen alle unbefristete Arbeitsverträge. Sofern sie eine Stelle haben. Auch wusste man nicht, ob die Sommerferien bezahlt werden. Wenn das Referendariat also vor den Sommerferien endete, bekam man in vielen Fällen erst einen Vertrag nach den Sommerferien. Tja sechs Wochen ohne Geld. Zum Glück gibt es das gute alte Hartz IV. (ALG I kommt nicht in Frage, da man während des Referendariats verbeamtet ist und keine Sozialabgaben zahlt.) Neben den Eltern unserer Schüler im Jobcenter warten, ist genau das, was man mit zwei Staatsexamina vom Leben erwartet. Lehrerwerden soll auch nicht mehr so beliebt sein, habe ich gehört. Komisch...

Eigentlich müssten wir jungen Lehrer aus Protest gemeinsam in ein anderes Bundesland auswandern. (Keine Verbeamtung, noch schlechtere Bedingungen und noch mehr Aufgaben durch die Entstehung das Zusammenlegen von Haupt- und Realschule und eigentlich auch der Förderschule, usw.) Sollen die sich doch ihre Lehrer selbst backen! Ja, Anreize schafft man anders...
So geht man weiterhin jeden Tag zur Schule und versucht aus Zitronen Limonade zu machen.
Und weil es so schön ist, hier ein Zitat von der Homepage der Senatsverwaltung: "Mehr Chancengerechtigkeit und Qualität: Das sind die Leitgedanken der Berliner Bildungspolitik."


Ah ja, liebe Bundestagsabgeordnete, debattieren Sie doch mal über die wirklich wichtigen Dinge wie Bildung und nicht darüber, was Herrn Wulff zusteht und was nicht!