Dienstag, 14. August 2012

Nostalgie


"Nostalgie ist die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der man nichts zu lachen hatte."
Charles Aznavour

In unserer Klasse ist heute nichts besonderes vorgefallen. Keiner wollte Yoga machen, Önder ist eine Stunde zu spät gekommen, Can hat bisschen mehr geredet als die Tage davor, Melina hat ohne Pause gearbeitet, alle haben sich über die Bewertung des anderen beschwert, Mirkos jeder zweite Satz war: - "Na und, ist mir doch egal." und Nafisa verbrachte die Stunde auf dem Tisch liegend. Alles ganz normal.

Das Highlight heute war meine alte Klasse. Immer wieder schön, da zu unterrichten und zu sehen, was aus den ungeschliffenen Diamanten wird. Ah, war das poetisch. Wahnsinn! Sogar Dejan ist irgendwie so... menschlich geworden. Mit 'guten Tag, wie geht's Ihnen, Mrs. Johnson' und so. Ja klar, Sprüche wie 'ich bin so ein geiler Hengst und alle Frauen dieser Welt stehen auf mich' dürfen natürlich nicht fehlen. Tuncers Sprüche sind auch nicht besser geworden und Bülents Lieblingsspruch ist immer noch derselbe geblieben, nämlich 'nerv ma nicht, hab ich gesagt.' Irgendwie sind sie alle trotzdem oder gerade deswegen total niedlich. Und irgendwo ein Produkt, made by Mrs. Johnson. Zumindest ein Teil von ihnen. Ich liebe meinen Beruf, weil er so dankbar ist. Ok.. sie kommen nicht zu einem und bedanken sich, weil man so viel Energie und Mühe reingesteckt hat, aber wenn man sieht, wie sie langsam vernünftig, zielstrebig werden und einen mit einem Lächeln empfangen, dann ist es der Dank für die Arbeit. Und alles andere.

- "Mrs. Johnson, warum sind Sie nicht mehr Klassenlehrer bei uns?"
"Das wisst ihr doch! Ich wollte ein neues Projekt ausprobieren und habe mich bestimmt nicht gegen euch entschieden."
- "Aber Mrs. Johnson, ich vermisse Sie übertrieben. Ich kann jetzt keinem meine neue Kleidung zeigen. Das versteht keiner, wissen Sie? Und Sie waren schon so Experte, weil Sie gehen ja selba H&M und so, wa?"
"Gülcan, ich fühle mich wirklich geehrt, aber ich bin ja nicht aus der Welt. Du kannst mir gerne weiterhin zeigen, was du dir kaufst!"
- "Vooooll unfair, der Herr Wurzel hat meinen neuen Ring gar nicht bemerkt. Das ist soooo unhöflich, wie kann man so sein? Und bei Sie, Sie haben sofort gesagt: "oooooh, was ein schöner Ring! Sie haben Geschmack, ich schwör! Wollen Sie nicht ma Modezeitschrift arbeiten oder so? Die würden Sie direkt nehmen!"
"Danke für's Kompliment, aber es ist kein Verbrechen, nicht auf eure Einkäufe zu achten. Du wirst es nicht glauben, aber wir achten eher auf das, was ihr in der Schule schafft und nicht wie deine Kaufkraft im Center sich seit letzter Woche geändert hat!"
- "Was letzte Woche? Ich war gestern. Die machen immer noch Sale. Übertriebene Preise. Sind die eigentlich dumm? Die werden doch so arm?"
"Mir wär es lieber, wenn du auf deine Noten und nicht auf die Finanzen der Läden achten würdest." Gülcan verzieht ihr Gesicht so, als ob sie gleich weinen würde.
- "Mrs. Johnson, Sie sind voll gemein. Ich mach für Sie Liebeserklärung, wie ich Sie vermisse und so und Sie dissen mich übertrieben!"
"Das ist noch nicht dissen, Gülcan..." Wie aus dem Nichts taucht Tuncer neben uns auf. Wie auf Kommando beim Wort 'dissen'.
- "Ich habe mieseste App, was gibt. Mit so Disssprüchen. Soll ich rausholen und Ihnen zeigen?"
"Neeeein, du weißt doch genau, dass Handys verboten sind!"
- "Oh man..." Trotz der Enttäuschung packt Tuncer das Handy weg.
"Genug Smalltalk gehabt. Jetzt müssen wir auch mal arbeiten." Und dann staune ich nicht schlecht. Es ist Ruhe, jeder hat was zum Schreiben auf seinem Tisch. Sie melden sich, wenn sie etwas sagen wollen. Außer zwei hat jeder die Hausaufgabe gemacht. Wer seid ihr und was habt ihr mit meiner ehemaligen Klasse gemacht?
Das größte Dankeschön, das man bekommen kann.

Montag, 13. August 2012

Man nehme eine Portion Yoga


Yoga hilft einem, länger und besser Sex zu haben. Ich kann das schlecht erklären aber gut vormachen.
 
Sting

Gleich beim Eintreten in die Klasse sehe ich Önder, der über beide Ohren strahlt. Hmmmm, warum bist du so pünktlich in der Schule und dazu auch noch so gut gelaunt?
- "Mrs. Johnson, Sie werden nicht glauben! Ich habe ganzes Wochenende von Schule geträumt, macht so Bock gerade, ich schwör!"
"Aha." Was anderes fällt mir in der Situation auch nicht ein. Irgendwie ist sie so neu, diese Situation...
- "Was machen wir heute? Wieder was mit Händen?" Ok, das Zauberwort heißt also 'Praxisklasse'. Önder ist also schon mal in der Klasse richtig. Weniger Theorie und mehr Praxis. Und wenn Theorie, dann wissen, wozu und am besten mit der Praxis verbunden.
"Bestimmt, lass dich einfach überraschen... Aber vorher müssen wir noch bisschen mit Papier und Stift arbeiten."
- "Oh nö!"
"So Can, setz dich mal nach vorne, damit du besser arbeiten kannst."
- "Ich setz mich nicht neben dem, der stört mich immer." Oh nein, warum musst du dich jetzt ausgerechnet mit Önder anlegen? Zum Glück reagiert Önder gelassener, als ich dachte.
- "Ich schwör, ich wollte mit Can nicht mal 1% reden! Was redest du Junge, willst du Klatsche?"
- "Halts Maul, wer hat dich denn gefragt?" Can, was war das denn? Warum redest du im Unterricht nicht und jetzt auf einmal so ein Theater?
"Jungs, wir beruhigen uns jetzt alle mal und widmen uns jetzt wieder eurem Lebenslauf zu."
Da sich alle für ein Praktikum bewerben müssen, muss jeder wissen, wie man einen Lebenslauf schreibt, als geht's los mit der mühsamen Erarbeitung. Schon gibt es Fragen.
- "Mrs. Johnson, muss ich bei den Hobbies die Wahrheit sagen??"
"Ja, wäre schon angebracht. Der potentielle Arbeitgeber möchte ja wissen, mit wem er es da zu tun hat."
- "Ja ich meine, wenn ich 'Lernen' bei Hobby schreibe, dann ist es so gelogen! Aber die nehmen mich dann sofort, oder?"
- "Kann ich als Hobby 'ich will schlafen' schreiben?" Efkan dehnt sich und sieht dabei sehr verschlafen aus. Ich wette, er hat sich am Wochenende nicht so sehr auf die Schule gefreut.
"Ganz schlecht."
- "Aber wieso? Ist doch!  Mrs. Johnson, müssen wir was schreiben? Bei mir ist Gehirn schon voll!"
In dem Moment kommt Mirko rein.
"Woher kommst du denn?"
- "Von unten."
"Und was hast du unten 10 Minuten nach dem Klingeln gemacht?"
- "Yoga." Mirkos Gesicht bleibt total ernst, ich lache mich innerlich kaputt.
"Was??"
- "Yoga. Kennen Sie nicht? Soll ich Ihnen zeigen, wie das geht?"
"Schon gut, lass stecken."
- "Uuuuh 'lass stecken', am Wochenende cool geworden, Mrs. Johnson?"
"Nee, du?" Mirko weiß paar Sekunden lang nicht, was er antworten soll. Strike.
- "Ich sag Ihnen, Yoga ist megagut. Hilft gegen Magenkrämpfe. Und Arschkrämpfe. Ich wollt ja schneller hochkommen, aber ich hasse Treppen. Und dann habe ich Krämpfe bekommen. Und Yoga hat mich gerettet!"
"So genau wollte ich es eigentlich nicht wissen... Setz dich hin und nimm deine Sachen raus." Mirko bewegt sich laaaangsam zu seinem Platz. Der Rest lacht. Und lacht. Und lacht. Und ich kann es ihnen nicht mal verübeln.

Donnerstag, 9. August 2012

Strafe muss sein


"Du hast es eingerührt, du muß es auslöffeln."
Terenz

Der Auftrag der Eltern heißt 'erziehen und bilden'. Der Auftrag der Schule heißt 'bilden und erziehen'. Das ist ein Riesenunterschied. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, 80% unserer Arbeit widmen sich der Erziehung unserer Sprösslinge und nur 20% der Bildung. Wenn es hoch kommt. Bevor man erklären kann, warum der 1. Weltkrieg ausgebrochen ist, was eine Synapse ist oder wie Flächen berechnet werden, muss man lernen, dass es Regeln und Pflichten gibt, dass Höflichkeit nie verkehrt sein kann und dass nicht jeder Mensch auf der Straße darauf hinaus ist, dir eins in die Fresse zu schlagen. Diese Aufgabe ist echt schwierig und ich zweifele sehr oft daran, ob ich die Fähigkeit habe, sie zu erfüllen. Die Jugendlichen sind voller Hass, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit. Eigentlich bezweifele ich, dass man die Menschen grundlegend ändern kann. Ich muss es dennoch versuchen. So lautet eben unser Auftrag. Gleich in der 1. Stunde sollte ich die Gelegenhiet dazu bekommen. Nicht bestellt und doch bekommen.

Zehn Minuten nach dem Klingeln klopft es an der Tür. Nein, es hämmert. So laut, dass wir alle zusammenzucken und ich an ein Erdbeben denke und sich bereits Evakuierungsszenen in meinem Kopf abspielen. Ich renne zur Tür und reiße sie auf. Nafisa steht vor mir. Mt knallrotem Kopf.
"Sag mal, hast du nicht gelernt, etwas menschlicher zu klopfen???"
- "Hä? Sie haben doch gesagt, man soll klopfen, wenn man zu spät ist."
"Genau, ich sagte klopfen und nicht gleich die Tür eintreten!!"
- "Hä? Aber sonst hören Sie doch nix! Und ich bin gerannt!"
"Das üben wir noch mal. Warum bist du zu spät?"
- "Tut mir voll leid. Verschlafen." Jetzt geht das schon wieder los. Das Schuljahr ist noch so jung. Dieses Jahr wird es ernst, sie müssen bald arbeiten. Wenn sie paar Mal zu spät zur Arbeit erscheinen, sind sie draußen. Es schreit nach Konsequenzen.
"Jetzt müssen wir mal alle zusammen beraten. Was machen wir jetzt mit Nafisa?"
- "Sie soll nachsitzen."
- "Lassen Sie sie 3 Wochen Ordnungsdienst machen!"
- "Schläge?"
"Leute, ich brauche ernsthafte Vorschläge! Wie wär's denn, wenn jeder, der etwas verbrochen hat in die Klassenkasse einzahlt?" Hat ja letztes Jahr auch funktioniert.
Jannes ist strikt dagegen, auch Antonio wehrt sich.
- "Mrs. Johnson, auf keinsten! Wasn daran schlimm, mal zu spät kommen? Ist doch voll menschlich. Und dann gleich wie im Gefängnis, Strafe!"
"Mal zu spät kommen kann passieren, aber wir hatten in der ersten Woche gleich 4 Verspätungen! Und es ist erst die erste Woche. Wenn nichts passiert, geht es doch so weiter. Es muss Konsequenzen geben. Im wahren Leben gibt es die auch. Im Berufsleben wird keiner weggucken, sondern euch feuern!"
- "Jaaa... Berufsleben ist ja auch was anderes."
"Nein, das ist nichts anderes! Es geht um die Einstellung. Wenn sie jetzt nicht geändert wird, dann passiert das nie." Langsam werde ich ungeduldig, schön die Regeln missachten und dann keine Konsequenzen tragen wollen!
Nafisa holt bereits ihr Portemonnaie raus. - "Was soll ich zahlen? Soll ich Ihnen Euro geben?"
- "Aller Mädchen, bist du behindert? Mach doch lieber Ordnungsdienst zwei Wochen!"
"Ähm Mirko, wir haben uns doch noch gar nicht auf Ordnungsdienst geeinigt!" Auch Nafisa sieht es überhaupt nicht ein.
- "Ich mach doch kein Ordnungsdienst! Ich lass mich doch nicht knechten! Hier ich geb Ihnen 1€, kaufen Sie davon eine Putzfrau!"
"Leute, so kommen wir nicht weiter!"
- "Was machen Sie überhaupt mit dem Geld, wenn wir was in der Kasse haben?" Ich habe das Gefühl zu sehen, wie es in Antonios Kopf raucht und er nachdenkt.
"Mal schauen, das entscheiden wir dann. Einen schönen Ausflug zum Beispiel..."
- "Aaaaah so, ich dachte, Sie gehen McDonalds essen oder so."
"Doch nicht McDonalds! Ich schnappe mir Frau Kollegin und dann vereisen wir für ein Wochenende. Möglichst teuer!"
- "Maaan Mrs. Johnson, bleiben Sie mal ernst!"
"Bleib du mal ernst!" Ich merke, dass wir zu nichts kommen und verschiebe die Diskussion. Irgendwas muss ich mir überlegen!

Nafisas Verspätung und unsere Geld-als-Strafe-Auseinandersetzung ist schnell vergessen und wir machen mit dem Unterricht weiter. Bis Antonio und Önder anfangen, sich laut streiten. Ich weiß gar nicht, um was es ging. Und zugehört habe ich erst ab dem Moment, als Antonio zu Önder sagte: - "Halt die Fresse, du Jude!" Ich reagiere ja ganz allergisch darauf. Genauso wie auf 'Zigeuner', 'Schwuchtel', 'Behindert' und anderen solchen Kram. Ich könnte kotzen, vor lauter Ignoranz und Böswilligkeit! Es klingelt.
"Ihr könnt alle runter gehen. Antonio, du bleibst hier!"
- "Hä? Was habe ich gemacht?"
- "Ich weiß es! Ich habe es genau gehört!!" Gut aufgepasst, Mandy.
"Kannst du dir vorstellen, warum du hier bist?" Antonio guckt mich total ratlos an.
- "Nee..." Ich erinnere den Herren an sein Vergehen.
- "Ich hab das gar nicht gesagt!"
"Antonio! Bleib wenigstens ehrlich!"
- "Ich hab es wirklich nicht gesagt!"
"Klar hast du das. Ihr benutzt diese Wörter, ohne es zu merken! Das macht die Sache doppelt so schlimm!"
- "Was ist denn so schlimm? Man spricht so..."
"Nein, man spricht nicht so! Warum beleidigst denn andere Menschen? Abgesehen davon, dass es unfassbar unlogisch ist, Religionen oder sexuelle Orientierungen als Beleidigung zu benutzen!!"
- "Aber das ist doch gar nicht böse gemeint, ich will doch keinen beleidigen... Meine Kumpel reden auch so." Natürlich reden sie auch so. Nur macht es die Sache leider nicht besser. Oh man, was mache ich denn jetzt?
"Und wenn deine Kumpels so reden, ist es erlaubt? Du beleidigst diese Menschen, auch wenn du dir dessen nicht bewusst bist!! Du schreibst einen Aufsatz bis morgen. Über jüdische Feiertage. Eine Seite. Und dann schreibst du, warum es keinen Sinn macht, solche Beleidigungen von sich zu geben. Die lässt du von deinen Eltern unterschreiben und gibst mir das Ganze morgen ab. Wenn du Glück hast, erzählst du der Klasse noch mal, was du rausgefunden hast."
- "Scheiße!"
"So sieht es aus!"
Der Erziehungsprozess fängt erst jetzt an. Jetzt muss man nur noch Zeit für die Bildung finden...

Mittwoch, 8. August 2012

Klassensprecherwahl

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Beliebtheit sollte kein Maßstab für die Wahl von Politikern sein. Wenn es auf die Popularität ankäme, säßen Donald Duck und die Muppets längst im Senat.

Orson Welles

Heute morgen bin ich mit einer Supernachricht aufgewacht, die aus dem Radio ertönte. Berliner Beamte sollen ab dem 1. August mehr Gehalt bekommen. Laune gleich im Keller. Wenn bereits existierende Beamte mehr Geld bekommen sollen, dann ist doch das Geld da?! Warum kann man dann uns Junglehrer nicht endlich mal verbeamten und uns mit den anderen Kollegen im Lehrerzimmer gleichstellen? Lehrer, die aus einem anderen Bundesland als Beamte nach Berlin kommen, werden ja auch weiterhin mit allen Privilegien versehen! Also gleich morgens Laune im Keller.

Im Klassenraum angekommen, merke ich, dass es auch anderen Schülern wie mir gehen muss. Irgendwas stimmt da nicht. Viele hängen lustlos in ihren Stühlen. Die haben wahrscheinlich andere Nachrichten heute morgen gehört. Die Schulzeit soll um ein Jahr verlängert werden oder so.
"Efkan, was ist denn los?"
- "Mrs. Johnson, ich faste. Können wir heute Schule ausfallen lassen?"
"Du fastest??"
- "Ja, Mrs. Johnson. Ramadan, noch halbe Monat."
"Ah, stimmt ja. Aber gestern warst du doch noch ganz munter und ihr fastet doch schon eine Weile?!"
- "Ja, aber gestern war zweiter Schultag. Noch gechillt. Und jetzt arbeiten? Nee ey."
"Leider doch. Auch du musst jetzt einen Stift und Papier auf deinem Tisch haben." Efkan verzieht das Gesicht und bewegt sich im Sekundentempo zu seiner Tasche, um sein Zeug zu holen. Das kann ja heiter werden.
"Wer möchte den ersten Absatz lesen?"
"Bitte nicht so viele auf einmal! Abdul?"
- "Nee..."
"Komm Abdul, es ist nur ein Absatz."
- "Mrs. Johnson, ich faste..."
"Leute, das Fasten kann doch nicht Ausrede für alles sein! Ihr geht nun mal in dieser Zeit zur Schule und da müsst ihr volle Leistung bringen!"
Auch Önder fastet und muss uns seine Meinung mitteilen.
- "Mrs. Johnson ich schwöre auf alles, ist übertrieben schwer. Aber ist nur Phase, is bald zu Ende."
"Das glaube ich, dass es schwer ist. Dennoch, wir müssen hier weiterkommen." Die Fasten-Ausrede habe ich dann noch mehrere Male während dieser Stunde gehört, irgendwie haben wir den Text aber doch bis zum Ende gekriegt. Viel zu langsam, aber immerhin. Wollen wir uns mal nicht beschweren, schließlich hatte jeder den Text dabei.
- "Mrs. Johnson, ich schwör, Sie haben's drauf."
"Ah ja?"
- "Ja, wie Sie uns immer zwingen, Sachen zu machen und wir machen die."
"Was quatschst du da?"
- "Wir wollen ja nicht lesen, schreiben und arbeiten und so. Und dann zwingen Sie uns und wir machen es. Wie machen Sie das??" Gute Frage, wenn es immer funktionieren würde, würde ich "das Rezept" sofort an alle anderen Lehrer verkaufen, würde reich werden und müste nicht mehr arbeiten!

"So Leute, nachdem ihr nun hart gearbeitet habt, müssen wir uns einigen organisatorischen Dingen widmen. Auch unsere Klasse braucht Klassensprecher und die müssen jetzt gewählt werden."
- "Uuuuh wichtig, ich werde!" Gerade noch hing Abdul halbtot im Stuhl. Jetzt springt er durch die Klasse und ernennt sich schon mal selbst zum Klassensprecher.
"Abdul, wir wählen einen Klassensprecher und nicht du bestimmst, wer es sein wird. Es heißt KlassensprecherWAHL." Wir besprechen, welche Eigenschaften der Klassensprecher haben und welche Aufgaben er übernehmen muss. Die, die sich zur Wahl stellen wollen, werden immer weniger.
- "Ey wählt mich ma! Ihr kriegt alle Döner und ich werde miesnett sein!" Abdul ist rot vor Aufregung und ich muss befürchten, dass er sich heute nicht mehr beruhigen wird.
- "Setz dich hin, du Opfer, gar nix wähl ich dich. Ich will werden. Aber Mrs. Johnson, ich will irgendwie bestimmen und nix zu tun haben mit Verantwortung und so. Was das Verantwortung? Welcher Knecht hat die erfunden? In der Grundschule da hab ich so Eimer mit voll eckligen Sachen umgeworfen und die Lehrerin war üüüübertrieben sauer, ich dacht, die schlägt mich. Ich schwör auf Koran, ich dacht, die schlägt mich. Ich hätt die so angezeigt!"
"Önder, komm zum Punkt! Ist deine Geschichte aus der Grundschule irgendwann zu Ende?"
- "Aller Mrs. Johnson, unterbrechen Sie mich ma nicht. Ist unhöflich. Sie wollte, dass ich diese Kotze da aufräume. Is die hässlich, denkt die, ich fass das an! Gar nix mach ich."
"Oooook und was hat das Ganze mit der Klassensprechenwahl zu tun?"
- "Die, also meine Lehrerin, die hat dann unseren Klassensprecher auswendig gemacht."
"Ausfindig gemacht."
- "Ja meine ich doch, auswendig gemacht. Und der musste mit mir dann reden und so..." Wie kann man so viel Energie für's Reden und gleichzeitig Bewegen aufbringen, wenn man nichts trinken und essen darf?
"Ok Önder, krasse Geschichte. Ich schlage vor, du setzt dich wieder hin und wir fahren mit der Wahl fort." Önder setzt sich. Doch nicht so viel Energie.

Wir wählen also. Abdul schreit immer wieder, wie schrecklich aufgeregt er ist. Melina entscheidet in letzter Sekunde, dass sie sich auch zur Wahl stellen will. Can fragt fünf Mal, wie viele Namen er auf den Zettel schreiben kann, Antonio erörtert, was er alles als Klassensprecher verändern möchte, Abdul rennt durch die Klasse und möchte uns allen mitteilen, wie schrecklich aufgeregt er ist. Önder erläutert, warum Klassensprecher zu haben "ohne Sinn" ist, Mirko diskutiert mit Önder und sagt, dass Klassensprecher "voll mit Sinn" ist. Und ich versuche, die Wahl endlich abzuschließen. Im Endeffekt haben wir 14 Zettel mit Namen. Jeweils einem Namen, das hätte wir geschafft. Leider sind heute nur 11 Schüler da. Wahl manipuliert! Skandal! Uns passt das Ergebnis und wir wollen auf keinen Fall ein zweites Mal wählen. Wirklich auf keinen Fall. Schließlich haben wir heute noch andere Dinge auf dem Programm. Antonio und Mandy sind Klassensprecher geworden. Önder beschwert sich lauthals, dass die Wahl ungültig ist und wir noch mal wählen müssen. Abdul beschwert sich ebenfalls. 
- "Ich hatte voll die Chancen zu gewinnen. Was habt ihr gemacht, könnt ihr nicht wählen?? Voll die ehrenlosen Kinder! Nächstes Mal werde ich so ein King sein, da werdet ihr mich auf Knien bitten, dass ich euch erlaube, mich zu wählen!" Nächstes Mal...

Dienstag, 7. August 2012

Was kostet gutes Leben?


"Und wie viel kostet das Gratiswochenende?"
Homer Simpson

Das gibt's doch nicht! Ich bin wieder müde. Ich hasse das, versuche mich zu wehren. Alles hoffnungslos. Egal, wie man es dreht. Ich bin wieder müde und habe schon jetzt vergessen, wie man das Wort 'Ferien' buchstabiert. Die Kiddies waren heute aber echt anstrengend. Schon am zweiten Tag, na super. Abdul versuchte ständig seine DimSum-Nudeln zu verspeisen. Zu dumm, dass die Packung knirscht und die Tat sofort aufgefallen ist. Önder hat ohne Ende (und ich meine wirklich ohne Ende) geredet. Zwischendurch mal auf den Koran, mal auf seine Mutter geschworen. Dafür hat Can das Reden schlicht und einfach verweigert.
"Can, hast du einen Berufswunsch?" Schweigen.
"Can?" Schweigen.
- "Junge, sag doch schon. Red mal, was mit dir los? Ich schwör auf meine Mutter, der Junge is nicht normal."
"Önder! Ich kann mich nicht erinnern, dich gefragt zu haben. Can, wolltest du nicht in den Einzelhandel?"
Schweigen.
- "Dann nicht! Ich sag nie wieder was." Önder ist zu tiefst beleidigt. Zum Glück. Mal gucken, wie lange es anhält.
"Caaan. Ja oder nein reicht doch schon mal als Antwort."
- "Ich mag nicht reden." Ich bin etwas perplex. Wo ist der Can, der letztes Jahr in meiner Klasse war? Der Can, der geredet, geschrien und gesungen hat? Und das gleichzeitig.
"Was ist passiert?"
- "Nix."
"Und warum sprichst du heute nicht?" Ich gebe es zu, ist nicht die beste Methode, einen Schüler in solch einer Situation vor der gesamten Mannschaft anzusprechen.
- "Weil." Ok, wir reden nachher.

Mandy und Nafisa dachten den ganzen Tag über, sie wären in Kunst und bemalten gegenseitig ihre Arme. Mandy beklagte sich außerdem über die Arbeitsblätter.
- "Maaaaaan, Mrs. Johnson. Is nicht so, dass ich faul bin. Ich versteh diese Fragen nicht. Was wollen Sie denn von mir??"
"Ich möchte, dass du den Text liest. Das würde schon reichen. Dann kannst du auch die Fragen beantworten!"
- "Maaaan Mrs. Johnson,  aber ich hab sooo schlecht geschlafen. Und jetzt hab ich so Kopfschmerz, wissen Sie. Und mein Rücken, wissen Sie?"
"Jetzt aber nicht, mit der Tour anfangen!"
- "Was?"
"Nix. Nimm den Text und fang an zu lesen!"
- "Maaaaan..."

Dann entwickelte sich eine Diskussion, bei der plötzlich alle wach wurden. Sogar Efkan guckte hoch.
- "Mrs. Johnson, ich bin ja ein Junge."
"Das sehe ich genauso, Antonio."
- "Kann ich als Junge auch Kosmetiker werden oder wie das heißt? Obermies, immer so hübsche Frauen liegen vor einem."
"Bestimmt kannst du den Beruf erlernen, wenn dich der Bereich interessiert. Ich wüsste jetzt nicht, warum es nicht gehen sollte."
- "Aber verdient man nicht so viel, wa? Reicht, um gut zu leben?"
"Es kommt drauf an, was für dich ein gutes Leben bedeutet?! Einer sagt, 1000€ im Monat ist ein Traum, der andere wird drüber lachen."
- "Wallah? 1000 €??"
"Ich weiß nicht auswendig, was man in der Kosmetikbranche verdient. Ich wollte nur damit sagen, dass jeder andere Bedürfnisse hat!" Auch Mirko stimmt mir zu.
- "Was willst du denn? Du kannst doch in so ner übertriebenen Luxusvilla wohnen. Mit Wald undso. Oder vor Lidl schlafen, da bei Einkaufswagen. Kannst so auch gut leben."
Jetzt ist auch Abdul beim Gespräch dabei. - "Ich schwör Ihnen, Mrs. Johnson. Meine Chefin da ist vooooll die Geize, die will mir nix zahlen! Darf die das??"
"Das muss sie sogar. Ihr macht ja in den Betrieben nur ein Praktikum und das wird in der Regel nicht bezahlt."
- "Abdul, alta, ich schwör, was beschwerst du dich denn? Du bist doch Araber! Machst 20 Kinder und dann kannst du leben vom Kindergeld, wie ein König!" Abdul fühlt sich wohl eher geehrt, als angegriffen.
- "Was 20 Kinder? Ich mach die locker, aber von Kindergeld kannst du doch nicht leben, wie du willst!" Die Gedanken gehen schon mal nicht in die verkehrte Richtung. Abdul fährt fort.
- "Aber Mrs. Johnson, ich weiß, wie wir gut leben können. Lassen Sie ma hier Plasmafernseher und Play Station kaufen. Mit Play Station kann man mies lernen."
"Ja genau, sehr gut Idee! Lasst uns noch paar Masseure einstellen, Betten im Klassenraum aufstellen und uns jeden Tag Essen liefern lassen!"
- "Wallah?"
"Wallah!"
- "Mrs. Johnson! Haben Sie gerade 'wallah' gesagt??"

Montag, 6. August 2012

In sechs Wochen um die Welt


"Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon."
Aurelius Augustinus

Neues Jahr, neues Glück. Alles total aufregend. Neue Klasse, neue Gesichter, alte Sprüche. Es sind zwar nur sechs Wochen vergangen, aber irgendwie erscheinen sie alle größer.
Hoffentlich auch vernünftiger. Das erste Anzeichen dafür kam gleich morgens früh. Alle waren pünktlich. Alle. Nur Isabel fehlte, aber entschuldigt. Sofort schreit Önder: -"Mrs. Johnson, die schwänzt bestimmt, die ist noch Türkei."
"Nein, Isabel ist entschuldigt."
- "Önder, du Spasst, die ist doch gar nicht Türke, was soll die Türkei fahren?" Mirko grinst über beide Ohren, als hätte er gerade etwas weltbewegendes ausgesprochen.
- "Aaaaler, dein Earny? (von Ernst) Meinst du, in deine Scheißland fahren nur Mazedoniker? Du kannst doch heute fahren, wo du willst! Kein Plan, ey..."
"Jungs, beruhigt euch, Isabel fehlt entschuldigt. Wie ich bereits erwähnte, übrigens." Beide rollen mit den Augen. In diesem Moment schaltet sich Jannes ein.
- "Also, Mrs. Johnson, ich würd das noch mal prüfen. Man weiß nie, was die Schüler heutzutage so machen!"
"Danke für diesen hilfreichen Tipp, werde ich unbedingt machen."
- "Gerne doch. Soll ich Ihnen was abnehmen, Tür aufhalten, helfen oder so?" Der Schleim tropft schon von der Unterlippe.
"Es wäre sehr hilfreich..." Ich kann den Satz nicht zu Ende führen, denn Jannes steht mit großen Augen und aufgerissenem Mund vor mir. - "Ja? Was soll ich machen?"
"Es wäre sehr hilfreich, wenn du dich einfach hinsetzt und was zum Schreiben rausnimmst."
- "Oh man..." Paar Sekunden vergehen, Jannes rührt sich nicht.
"Stift? Papier? Irgendwas?"
- "Keine Panik, hab mich um alles gekümmert. Timm hat alles für mich mit." Diesmal bin ich es, die mit den Augen rollt. Fängt ja gut an.
- "Mrs. Johnson, nur dass Sie wissen. Weil wir ja alle neu sind. Timm mit zwei 'M' am Ende."
"Habe ich schon auf der Liste gesehen!"
- "Ja, weiß ich mit der Liste. Aber nicht vergessen, ja?"
"Ja und du schleppst nichts mehr für Jannes, ok? Er soll sein eigenes Zeug mitbringen, ja?"
- "Ja." So funktioniert geben und nehmen eben.

Önder war die Redepause wohl schon zu viel.
- "Mrs. Johnson, waren Sie auch Urlaub?"
"Ja!"
- "Waren Sie auch Türkei?"
"Warum auch? Warst du in der Türkei in den Sommerferien?"
- "Nein man, ich war irgendwo in Deutschland. Meine Mutter hat mich gezwungen. Mies langweilig. Ich schwör auf alles, ich wollt wieder Schule haben!"
"Das freut mich ja zu hören. Also, warum 'auch' Türkei?"
- "Na, weil Isabel auch Türkei ist."
"Sie fehlt entschuldigt!!!"
- "Ah so ja. Vergessen."
"So jung und schon so vergesslich? Hoffentlich vergisst du nicht, was du dir letztes Jahr vorgenommen hast! Wird dieses Jahr besser als das letzte?"
- "Inshallah." Das hätten wir also auch geklärt. Bleibt nur noch eins.
"Mrs. Johnson, Sie haben immer noch nicht gesagt, wo Sie Urlaub waren! In Ihre Heimatland?"
"Nein."
- "Frankreich?"
"Nein."
- "Amerika?"
"Nein."
- "Aaaaaler, was gibt's denn noch?" Ok... morgen lernen wir erst einmal die Weltkarte auswendig.
- "Bist du dumm Junge? Such dir Hobbies! Es gibt noch Tausendmillionenfünfzig andere Länder! Waren Sie in Equador, Australien, China, England, Libanon, Kosovo, Serbien, Malta?" Nicht schlecht, Antonio...
"Nö."
- "Eyyyy, sagen Sie ma! Voll unfair sind Sie. Haben Sie Mondreise gemacht???"

Schön, wieder hier zu sein. Mitten im Leben.




Samstag, 4. August 2012

Voraufregung, Vorerwartungen und Vorfreude


"Das worauf es im Leben am meisten ankommt, können wir nicht voraussehen. Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat. "
Antoine de Saint-Exupéry

Noch zweimal schlafen, dann beginnt die Schule wieder. Einige werden jetzt denken, spinnt die Alte, freut die sich wirklich wieder auf die Schule? Und das nach dem letzten Jahr?? Ich freue mich tatsächlich. Wäre ja auch traurig, wenn man sich nach sechs Wochen schulfrei nicht wenigstens bisschen freuen würde. Die Vorfreude hat auch etwas mit den Neuigkeiten und Änderungen zu tun, die mich nächstes Schuljahr erwarten. Und das sind einige.
Nach zwei seeehr - naja, sagen wir mal - abenteurlichen Jahren habe ich meine Klasse abgegeben, um bei einem anderen Projekt mitzumachen. Und ja, es ist mir unheimlich schwer gefallen und ich habe wirklich lange überlegt, ob ich es mache. Jeden Tag geballte Herausforderung und unheimlich viel Mühe, die ich da reingesteckt habe. Genau das war der springende Punkt. Wer zwei Jahre lang so viel in eine Sache investiert und den Haufen zu einer Gruppe umformt, kann sich nur schwer verabschieden. Trotz mehrer Nervenzusammenbrüche, wachsen die Mäuse einem ja doch ans Herz. Jedenfalls lange hin und her überlegt und dann doch entschieden, eine Praxisklasse zu übernehmen. Reine Hauptschulklasse, wenn man so will. Das sind Schüler, die gar nicht mehr wollen oder können oder beides. Aus welchem Grund auch immer. Die größten Chaoten. Gerne bezeichnet man diese auch als 'schulmüde'. Die Woche in dieser Klasse teilt sich in zwei. Die eine Hälfte lernen die Kiddies in der Schule, während der anderen Hälfte machen sie ein Praktikum. Und das nicht nur drei Wochen am Stück, wie sonst, sondern eben ein ganzes Schuljahr. Oft sind es auch Schüler, die eben praktischer besser arbeiten können, als theoretischen Kram zu lernen, in dem sie sowieso keinen Sinn sehen. Wer meine Geschichten verfolgt hat, weiß, welchen Schulalltag wir letztes Jahr zu meistern hatten. Einige der Kiddies aus den 8. Klassen, die unheimliche (schulische) Schwierigkeiten haben, entschieden sich für das Angebot, ihren Abschluss auf einem anderen Weg zu holen. So hatten wir irgendwann unsere zukünftige 9. Praxisklasse hatten. Einige, die auch eine Abwechslung bräuchten, haben sich nicht mal die Mühe gemacht, Interesse zu zeigen und blieben in der 'normalen' Klasse. Wer nicht will, der hat schon. Wir zwingen ja keinen. Endlich mal ein gescheites Model! Ist wahrscheinlich zu früh gefreut, weil ich es selbst noch nicht ausprobiert habe, aber es sieht sehr vielversprechend aus und funktioniert ja! Zumindest viel versprechender, als alle in einen 26starken Haufen zu schmeißen und schauen, was draus wird. Wird nicht ganz einfach bei der Sammlung an Kandidaten, aber es sind immer nur ca. 15 Schüler (viel bessere Förderung möglich!) und man ist immer zu zweit in der Klasse.
In meiner alten Klasse, die nun eine neue Klassenleitung bekommt, unterrichte ich trotzdem noch paar Stunden. Ganz wollte ich auf sie dann doch nicht verzichten. Aus der Klasse sind also auch ein paar Schüler bei dem Projekt dabei. Die haben sich über ihre alte neue Klassenlehrerin gefreut, die anderen, die in der 'normalen' Klasse bleiben, eher weniger. Ich gebe zu, die Reaktionen auf die Nachricht gingen runter wie Öl. In solchen Momenten lohnt sich das alles. Alle wussten also schon vor den Ferien Bescheid. Ich habe die alte Klasse verlassen und nichts von ihr zum Abschied bekommen. Klar, ich bleibe an der Schule und man soll nichts erwarten, aber irgendwie erwartet man doch etwas, nachdem man zwei Jahre lang gekämpft und vieles aufgebaut hat. :-( Sogar von einer 10. Klasse habe ich Blümchen bekommen und von meiner eigenen nicht. Aber wahrscheinlich kommt es nicht auf Blumen, Pralinen und ähnliches an, sondern auf die Dinge zwischendurch. Wahrscheinlich.

Es wird also spannend nächstes Jahr. Und die sechs Wochen Ferien sind verflogen, als hätte es sie nicht gegeben. Ganz schülerfrei waren die Ferien natürlich nicht. Gleich am ersten Ferientag bekam ich eine SMS von Betül. - "Mrs. Johnson, haben Sie Umut gesagt, der soll nicht neben mich sitzen, weil ich dumm bin undso? Is schlecht für dem Umut?" Ja Betül, genauso habe ich es gesagt! Du bist dumm undso. Ich sagte zu Umut, dass er und Betül zu viel gequatscht haben und lieber nicht nebeneinander sitzen sollen. So entstehen Gerüchte...
Von Umut bekam ich zwei  Wochen später eine SMS, in der er mir weiterhin schöne Ferien wünschte. Sehr lieb, wirklich! Aber, wieso heulen die Schüler während der Schulzeit, dass sie zu viel arbeiten müssen und dass Schule scheiße ist und denken in den Ferien an die Lehrer und somit auch irgendwie an die Schule? Ich persönlich habe  als Schülerin alles, was mit Schule zu tun hat, in den Ferien ausgeblendet. Leider ist vielen meiner Schüler in den Ferien echt langweilig und der einzige Lebensinhalt ist eben die Schule. Neben dem Fernseher und unter Umständen einer Play Station natürlich.
Gülcan wollte, dass ich ihr paar Fotos vom Praktikum schicke. Jannes (kommt in die neue Klasse) hat mich bei Facebook zu einer Party eingeladen. Als Nachricht bekam ich dann:
- "Bock auf Party, Mrs. Johnson?" Und Ambros aus der ehemaligen 10. auch. Zu seinem 17. Geburtstag. Süß. Jannes kriegt am Montag den Kopf gewaschen, Ambros kann man nichts mehr sagen. Und dann natürlich mehrere Fragen zum nächsten Schuljahr.
- "Wo soll ich Praktikum machen?"
- "Fängt schon Montag an?" (Mehrmals vor den Ferien erklärt, dass es mit dem Arbeiten erst paar Wochen später losgeht.)
- "Muss ich echt sechs Stunden am Tag da sein? Reicht nicht 3?"
- "Kann ich bei Dönerbude von mein Onkel, seinem Cousin Praktikum machen? Krieg ich Geld da?"
- "Ich brauch Zettel, dem alle gekriegt haben, ich schwör, ich hab dem nicht bekommen!"
- "Ich hab schon Praktikum, krieg ich gute Note?"
Fortsetzung folgt... Und ja, es wird spannend, seeehr spannend.

Zum Schluss heute möchte ich mich etwas auskotzen. Darüber, dass man sich immer wieder rechtfertigen muss, dass man Lehrer geworden ist und dass wir soooo viele Ferien haben.
- "Sechs Wochen Ferien hast du?? Was soll ich da, mit meinen 28 Tagen sagen?"
- "Wie, wenn du zurück aus dem Urlaub kommst, hast du noch vier Wochen frei? Ich hasse dich!"
- "Arbeitet ihr auch mal?"
- "Also für diese geringe Arbeitszeit, müsste eigentlich jeder Lehrer immer perfekten Unterricht vorbereiten! Der Unterricht bei mir in der Schule war immer scheiße!"
- "Und die ganzen sechs Wochen kriegt ihr bezahlt??"
- "Und sieben Wochen später habt ihr wieder Ferien?? Dein Leben will ich haben!"
Boooah, nervt das! Als ich genau das nach der 50sten Bemerkung zum Ausdruck brachte, nicht so nett zum Ausdruck brachte, hörte ich: - "Du redest ja schon, wie deine Schüler!" Der Beruf färbt eindeutig ab.
An alle da draußen, die auch schon mal das oder etwas Ähnliches von sich gegeben haben: Wenn ihr euch nicht bewusst für den Lehrerberuf entschieden habt, dann nein, ihr wollt mein Leben nicht haben! Und wenn jemand daran zweifelt, kann er g erne vorbeikommen! Jeder von euch hätte ja auch mal Lehrer werden können. Wieso habt ihr denn Job denn nicht gewählt, wenn er doch so viele Vorteile bittet?! Komisch!

Für heute war's das von mir. Prost auf das neue Schuljahr! Möge es nicht so nervenaufreibend werden, wie das alte, Spaß machen und uns alle voranbringen.