Donnerstag, 25. Oktober 2012

Mal was aus der Praxis


„Theoretisch Marge, theoretisch funktioniert auch der Kommunismus!"
Homer Simpson

Was für ein Tag... was für eine Woche... was für eine andere Welt. Man denkt, man hat schon alles gesehen und gehört. Aber es gibt Sachen, die gibt es nicht... Situationen, bei denen ich so sprachlos bin, dass ich überhaupt nicht reagieren kann. Wie denn auch, ich habe sie ja auch noch nie erlebt. Ich kenne das so nicht. Mrs. Smith und ich sind leicht fertig. Wir stehen vor der Schule und genießen die frische Luft. Endlich Luft. Und unterhalten uns, wie unglaublich unsere Schüler sind. Zum Glück kann ich von "unseren" Schülern sprechen. Wenn ich alleine diese Klasse betreuen würde, wäre ich wahrscheinlich schon in Frührente. Jedenfalls merkt Mrs. Smith an, dass wir uns mal über nette Dinge des Lebens unterhalten müssten, nicht nur darüber, wie übel alles ist. Recht hat sie, aber wie soll man das bloß anstellen, wenn wir keine Ergebnisse sehen? Übel ist übel. Fertig. Aus. Das einzige was hilft, ist das alles mit Humor zu nehmen. Versuchen wir es... Aber zuvor müssen wir uns über die letzten 24 Stunden austauschen. Ah ja und jedem, der denkt, sowas kann nur Fiktion sein, kann ich nur sagen: Genauso war es.

Wir bestellen die Schüler in die Schule, um den Fortschritt für die größere Aufgabe zu kontrollieren, die sie nächste Woche abgeben müssen. Besser so, als wenn sie nächste Woche mit leeren Händen da stehen und eine 6 kassieren. Wir kennen das doch. Wenn man ihnen nicht hinterher rennt, kommt nichts. Kontrolle ist nicht nur besser, sie ist das Einzige, was wenigstens bisschen hilft.
Die ersten Absagen für diesen "Privatunterricht" kamen schon gestern. Es ist Bayram, ein Feiertag. Das wussten wir natürlich, aber keiner meldete sich eine Woche zuvor ab. So wie verlangt. Also gingen wir davon aus, dass wir heute alle Kiddies sprechen können.
Efkans Mutter meldet ihren Sohn für heute telefonisch ab. Seit wann muss man das schriftlich anmelden, fragt sie? Und dann auch noch eine Woche vorher?! Das hätte sie ja noch nie gemacht. Eben deswegen. Wir müssen doch wissen, mit wievielen Schülern wir rechnen können. Ab und an müssen auch wir planen.

Can meldet sich über Facebook. - "Mrs. Johnson, ich verstehe nicht, was ich machen soll mit Hausaufgaben. Wann kommen Sie mich besuchen, damit Sie es mir erklären können? Heute würde passen." Schön, dass es heute passt. Mir nicht. Diese Hin-und-her-Schreiberei geht mir auf die Nerven. Ich rufe ihn an.
- "Wenn du Fragen hast, kannst du gerne morgen in die Schule kommen."
- "Mrs. Johnson, morgen ist Bayram. Ich gehe nicht arbeiten. Und deswegen kann ich auch  nicht in die Schule kommen. Kann ich Freitag kommen?"
"Und wann hattest du vor, mir zu sagen, dass du morgen nicht kommst?"
- "Hä? Aber Sie wissen doch, ist Feiertag!"
"Du musst dich doch abmelden, wenn du nicht kommst! Es gibt auch Leute, die trotzdem arbeiten an dem Tag."
- "Aber wieso? F.E.I.E.R.T.A.G."
"Ist ja schön und gut. Andere Leute müssen dafür Urlaub nehmen! Du kannst gerne wegbleiben, aber sag doch bitte Bescheid!"
- "Hmmmm."

Abdul meldete sich ebenfalls gestern Abend. - "Mrs. Johnson, ganze Schule hat morgen frei. Nur wir müssen Praktikum." Natürlich, die ganze Schule hat frei- egal ob man feiert oder nicht. Nur du musst arbeiten, weil du Abdul heißt. Leider muss er mir doch heute zeigen, was er bisher gemacht hat. Das Ergebnis ist ernüchternd, der größte Teil wurde noch nicht malangefangen.
- "Man Mrs. Johnson, was regen Sie sich so auf? Locker mach ich das... Ich hab doch noch 3 Tage..."
"Ich rege mich auf, weil du in letzter Zeit echt abgebaut hast!"
- "Ah was, es gibt Schlimmere..." Ja, nach unten gibt es leider auch keine Grenze.

Melina wurde um 9. 30 Uhr bestellt. Um 9 Uhr bekommt Mrs. Smith einen Anruf.
- "Mrs. Smith, wo bleiben Sie? Ich bin schon hier."
"Wir sind doch erst in einer halben Stunde verabredet"
- "Ja, aber ich bin schon da. Können Sie sich beeilen? Bitte." Mrs. Smith beeilt sich tatsächlich. Als sie in der Schule ankommt, ist von Melina weit und breit nichts zu sehen. Um 9.40 Uhr erscheint sie. - "Ich wollt bisschen spazieren, Sie waren doch eh nicht da."

Önder ruft Mrs. Smith gleich dreimal an. Um 18:10, 19:15 und 20.05 Uhr.
- "Ich will nur Praktikum gehen, Schule komme ich nicht!" Warum er erst mal nicht kommen konnte, bleibt ein Rätsel. Es gibt nämlich drei Versionen. Pro Anruf eine Version.
1. - "Gäste kommen, ich muss helfen."
2. - "Gäste kommen doch nicht, aber ich kann auch nicht Schule kommen."
3. - "Gäste kommen nicht. Aber ich kann erst nachmittag kommen." Gebongt, dann komm eben am Nachmittag, sagt Mrs. Smith. Alleine für diese Terminvereinbarungen müssten wir Überstunden anmelden.

Mrs. Smith und ich sitzen also in der Schule und warten. Sie auf Önder und dann auf Jannes. Ich auf Mirko. Mirko stand fälschlicherweise schon heute früh vor der Schule und hat sich gewundert, wo ich bleibe... Der Schüler von heute, entscheidet eben selbst, wann er zur Schule kommt. Die Reihenfolge ist klar. Önder, Jannes und dann Mirko. Önder ist nicht da. Wir warten. Kein Önder. Dann SMS: Komme 10 Minuten später. Warten. Nichts. Irgendwann kommt Jannes. Pünktlich, gut gelaunt und vorbereitet. Önder kommt 45 Minuten zu spät zu seinem Termin. Er reißt die Tür auf. - "Was machtn Jannes hier? Hab ich nicht Termin?"
"Nein, jetzt ist Jannes dran. Wartest du bitte draußen?"
- "Ja, aber können Sie schnell machen? Ich muss gleich wieder weg." Nö, Mrs. Smith macht nicht schnell. Irgendwann ist auch Önder dran. Önder ist also da, seine Materialen aber nicht. Wir sehen nichts. Wir hören Ausreden. Wir haben noch ein Thema für später. Önder geht, nachdem wir ihm wieder einmal gesagt haben, was er nächste Woche abgeben muss.
Nur noch Einer heute. Mirko. Halbe Stunde nach dem eigentlichen Termin ist verstrichen.  Mirko ist nicht da. Sein Handy ist aus. Wir gehen jetzt. Reicht.

Mrs. Smith und ich stehen draußen und können uns nicht entscheiden, wessen Tag besser gelaufen ist. Ihr oder meins. Wir kommen zu keinem Ergebnis, nur dazu, dass wir uns mal auch über schöne Sachen unterhalten sollten.

Dienstag, 23. Oktober 2012

Die Würmer sind los!


"Wer sich zum Wurm macht, soll nicht klagen, wenn er getreten wird."

Immanuel Kant

Heute stand ich vor der Klasse und dachte, das macht mir so keinen Spaß mehr, ich will so nicht arbeiten. Vor allem will ich nicht weitere 35 Jahre so arbeiten. Da ist nicht nur ein Wurm drin, sondern mindestens 150 Würmer, böser, ekliger Würmer. Da kam eine ganze Wurmfamilie mit Tanten, Onkeln, Omas, Opas und Cousins und hat sich in den Köpfen meiner Schüler verbarrikadiert! Sie wollen nicht, komme was wolle. Unterricht nicht möglich, nicht mal das Schreiben einer Arbeit kann in Ruhe erfolgen. Immer dieses Gequatsche und die Bitten, endlich mal ruhig zu sein, weil es Leute gibt, die sich doch konzentrieren wollen, werden ignoriert. Es wird diskutiert, gemeckert, nach Fehlern bei Lehrern gesucht. Natürlich machen wir alles falsch und die Schüler alles richtig. Also ist schon wieder so ein Belehrungsgespräch angesagt. Wie ich diese Gespräche hasse, bringen sowieso nichts. Da das Reden aber das einzige Mittel ist, reden wir eben wieder.
- "Mrs. Johnson, haben wir heute sechs Stunden?"
"Auf deinem Stundeplan sind es am Dienstag sieben, oder?"
- "Jaaaa...."
"Dann stell auch nicht solche Frage."
- "Aber Sie haben letzte Woche gesagt, dass wir am Dienstag sechs Stunden haben!"
"Das war eine Ausnahme und genauso habe ich euch das auch gesagt!"
- "Neeeeein, Sie sagten, jeden Dienstag!" Ich breche die Diskussion an dieser Stelle ab.
"Dann fangen wir mal mit den Referaten an. Ihr solltet ja bis heute fertig werden." Die eine Hälfte schaut in die Luft, die andere zu Boden. Ich hab's geahnt.
- "Mrs. Johnson, ich schwör, ich hab's gemacht, aber zu Hause vergessen."
- "Kann ich aus'm Kopf machen?"
"Nein! Ihr solltet doch auch ein Plakat erstellen!"
- "Aber Can darf, ja?"
"Nein, auch er darf nicht!"
- "Sie haben gar nicht gesagt, dass wir präsentieren müssen..."
"Natürlich."
- "Ich dachte wir können noch mal an die Rechner und ich hab's nicht kopiert..."
"Ich sagte, ihr sollt das, was ihr hier gemacht habt, euch selbst schicken!"
- "Hä? Wie? Und wenn ich keine E-Mail-Adresse habe?" Schön, für alles Ausreden und nie ist man selbst schuld.

"So Leute, ich hätte gerne gewusst, wie ihr euch das Leben in den nächsten Jahren vorstellt?"
- "MSA, Abi, Studieren, Haus undso für Parties... So ein Partyhaus, wissen Sie?"
"Superwünsche sind es und wovon willst du dir das Haus kaufen, Jannes?"
- "Na, arbeiten..."
"Dafür müsst ihr doch mal anfangen zu lernen, Leute! Der MSA fällt doch nicht vom Himmel..."
- "Walla Mrs. Johnson, das ist schon bisschen unlogisch, was Sie da sagen. Was hat denn lernen mit MSA zu tun? Weil..."
"Ist diese Frage ernst gemeint, Önder?"
- "Walla, ja! Wie Sie mich unterbrechen. Immer sagen Sie so, lass mich ausreden, lass mich ausreden und selba??"
- "Aller Junge, bist du vielleicht irgendwie behindert? Natürlich musst du lernen, wenn du guten Abschluss haben willst? Die haben schon Recht, wenn Sie und das sagen!" Danke!
- "Ey Nafisa, du Hässliche, hat irgendjemand gesagt, 'red'?" Nafisa lässt sich diesen Ton natürlich nicht gefallen. Mittlerweile reden alle durcheinander, aber ich versuche mich auf Önder und Nafisa zu konzentrieren, damit es nicht zum Schlimmeren kommt.
- "Halt die Fresse, du Spasst!"
- "Halt du doch die Fresse! Ich schwör, wie die mich aufregt!" Zählt hier auch, was mich so alles aufregt? Eher nicht...
- "Wie redest du mit mir? Halt's Maul!"
- "Halt du doch das Maul!"
"Leute, es reicht! Schaffen wir es heute noch, ein menschliches Gespräch zu führen??"
- "Ja, können wir, aber darf ich noch was sagen?"
"Nur, wenn es zum Thema passt."
- "Nein, aber ich muss. Diese Arbeitsblatt in Deutsch. Wie dumm kann man sein, so ein Arbeitsblatt zu machen? Der hat sich verschrieben." Ich gucke hin, da ist tatsächlich ein Druckfehler. Passiert.
- "Wer das Blatt gemacht hat, soll vom Hochhaus springen. Direkt mit dem Kopf auf Beton. Wie kann man so dumm sein??" Wie kann man so etwas aggressives und gewaltverherrlichendes von sich geben?? Ich denke immer wieder, mich kann nichts mehr aus der Fassung bringen. Aber es geht doch. Wahnsinn.
Hier schaltet sich Isabel ein. - "Önder was redest du? Ohne Sinn..."
- "Dein Leben ist ohne Sinn." Die ganze Klasse pfeift und hetzt weiterhin.
- "Uuuuhhh, hat er dich gefickt." Meine zarten Ohren...

"Zurück, zu eurem Leben und eurem Abschluss!"
- "Jaaa und Sie müssen gar nix mehr lernen? Wissen schon alles oda was??"
"Mirko, ich habe meinen Abschluss schon! Du noch nicht, soweit ich informiert bin..."
- "Können Sie uns nicht beim MSA vorsagen?" Oh nein bitte, was redet ihr heute alle??
- "Ey willst du echt so ein unehrliche MSA? Dann lieber gar keins!"
- "Wieso?? Man kann doch auch Zeugnis in der Ukraine kaufen oder so?!"

Spaß ist was anderes.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Lehrer als Alleskönner


Wir können nicht alles tun, aber wir müssen tun, was 
wir können."



Bill Clinton


Es gibt eine neue Empfehlung von einer Kommission, bezüglich der zukünftigen Lehrerbildung in Berlin. Eine Lehrerbildung, die an die jüngste Reform angepasst werden muss. Neue Reform in der Schule, neue Reform in der Lehrerbildung. Ein Uniprofessor spricht also Empfehlungen aus. Zusammen mit einer Kommission. Ich würde gerne wissen, wann dieser Professor oder die Mitglieder dieser Kommision das letzte Mal in so einem Unterricht waren, wie ich ihn täglich erlebe. Wäre mal interessant zu erfahren. Das Ergebnis der Tagung: die Lehrer müssen, müssen, müssen. Die Lehrer müssen nicht nur etwas von ihrem Fach verstehen, sondern müssen auch die Grundlagen der Sonderpädagogik studieren. Reden wir an dieser Stelle nicht drüber, dass die Sonderpädagogik ein eigenständiges Fach mit -glaube ich- 8 Semestern Studienzeit, ist. Wir müssen also Hauptschüler, Reaschüler und Sonderschüler zusammen in einer Klasse unterrichten. 26 Schüler in einer Klasse. Nichts leichter als das! Die Lehrkraft sollte wissen, wie sie den Stoff am besten vermitteln. Nun ja, ich weiß es. Ich weiß auch wie Partner- und Gruppenarbeit funktioniert, wie man Stationenlernen und ein Lernbuffet veranstaltet. Ich weiß auch, welche Methode zu welcher Gruppe und zu welchem Thema passt. Nachdem ich meine Schüler beruhigt, möglicherweise alle Konflikte beigelegt und die Kinder dazu gebracht habe, alle Materialien auf den Tisch zu legen, kann man ja so eine schicke Methode machen. Funktioniert vielleicht auch mal 5 Minuten, bis man sich wieder der Disziplin wenden und alle dazu motivieren muss, zu arbeiten und nicht in die Luft zu starren, durch die Gegend zu hüpfen, mit anderen zu kommunizieren usw. Ich habe auch gelernt zu differenzieren, aber in drei und nicht in 26 Stufen. Das Niveau der Schüler ist nämlich so unterschiedlich, dass man soweit gar nicht differenzieren kann. Zumindest nicht alleine. So einen Studiengang will ich sehen, der so etwas anbietet. Da würde ich doch glatt wieder studieren. Nehmen wir meine ehemalige Klasse. Während Umut mit der Aufgabe fertig ist, hat Can noch gar nicht angefangen. Dejan und Fatih schlagen derweil einander und ziehen Gülcan an den Haaren. Valmir spielt mit Djamal xxo. Jocelyn und Betül haben Fragen zu der Aufgabe. Deniz verlangt nach der nächsten Aufgabe. Nafisa malt den Tisch an. Nathalie guckt zur Decke, Murat unterhält sich mit Luis, Lukas hört heimlich Musik und Justin hüpft durch die Klasse und singt dabei. Und das war erst die Hälfte der Klasse. So, hat jemand was von aufregenden Methoden gesagt? Jedes Verhalten hat einen Grund und jedem muss man helfen, indem man diesen Grund herausfindet und versucht ihm zu helfen. Nur werden leider langsam alle Förderzentren aufgelöst, also müssen die "normalen" Lehrer ran... Wir lernen also kurz mal paar Grundlagen der Sonderpädagogik neben den restlichen Inhalten des Studiums und können dann mit den Störern, Verweigerern, Nichtkönnern und allen anderen umgehen. Und das auf einmal.

Wie wär's denn mit einer Doppelbesetzung in den Klassen, mehreren Sozialpädagogen, mit kleineren Klassen und mit Sonderpädagogen, die nicht nur an einem Tag in der Schule sind, sondern mal eine ganze Woche!? Aber nein, die Lehrer müssen alles können. Wenn man eines Tages den Zoo auflöst, weil der zu viel Geld kostet, werden wir auch die Tiere unterrichten müssen... Mit ein paar Grundlagen in Zoologie wird es schon klappen... Auch wenn die Lehrer nicht mehr Können, weil die Belastungen und die Aufgaben immer mehr werden, müssen sie trotzdem können.
Wir müssen eben alles. Wir sind Sozialarbeiter, Mutter, Vater, Psychologe, Polizei, Arbeitsberater, Krankenschwester, Moralapostel, Motivationstrainer, Wecker, ... Wir erinnern, wir besuchen, wir kontrollieren, wir bringen bei, wir bemuttern und bevattern, wir bilden, wir erziehen, wir ermahnen, wir schreiben, wir hören zu, wir reden mit Eltern und dem Jugendamt, wir rufen an, ... Wir müssen immer mehr. Nur uns gegenüber muss man keine Zugeständnisse machen. Man muss uns nicht verbeamten, muss sich auch nicht erkundigen, ob man denn mit den Änderungen, die die Politik beschließt, überhaupt zurechtkommt. Wenn nach dem Umsetzen dieser Empfehlung immer noch was schief läuft, dann überlegt man sich noch etwas für die Lehrer? Schließlich, sagt der Professor, hinge alles vom Können der Lehrer ab!  Bisher haben sie doch auch alles ausgehalten... Ist nicht so schlimm, dass die Zahl der Langerkrankten immer weiter steigt... Schade, dass ich es mir nicht leisten kann, lange zu erkranken, weil ich nicht verbeamtet bin. Wenn ich also eines Tages nicht mehr kann, muss ich trotzdem weiterhin können. Bis zum Umfallen. 

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Zwei Wochen sind zwei Wochen


"Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen."
Lucius Annaeus Seneca

Abdul macht sein Praktikum in einem Teeladen. Ich mag Praktikumsbesuche. Man lernt neue Menschen und neue Orte kennen und man bekommt was umsonst. Ich freue mich auf den Besuch, hoffentlich bekomme ich eine Tasse Tee angeboten. Bei der Kälte wäre so ein Tee nun wirklich nicht das Schlechteste. Ich komme also bestens gelaunt in den Laden.
"Guten Morgen! Guten Morgen, Abdul!" Abdul verzieht seine Lippen nicht mal zu einem Lächeln und brummt mir irgendwas entgegen. Muss irgendwas in Richtung "Hallo" sein. Na super. Jetzt muss Abdul also mindestens eine halbe Stunde bespaßt werden und ich hoffe, dass er mir die Ehre erweist, zuzuhören. Wahrscheinlich ist es nicht sehr vorteilhaft, mit so einer negativen Einstellung an die Situation ranzugehen, aber Abdul lächelt einfach nicht. Das wird toll, ich ahne es.
Wir setzen uns an den Tisch.
"So Abdul, zeig mal deine Ordner!"
- "Welche Ordner?"
"Na Deutsch, Mathe, Englisch. Fangen wir doch mal mit Deutsch an. Wo ist denn das Arbeitsblatt von gestern?" Abdul wühlt und wühlt und wühlt in seinem Rucksack und sein Gesicht wird immer böser. Er greift mit beiden Armen in den Rucksack und nimmt einen Stappel Blätter raus. Schmutzige, angerissene, nicht ausgefüllte Blätter. Mathe, Deutsch, Englisch durcheinander.
"Abdul, wo sind denn deine Ordner?"
- "Ja hier. Hab doch!"
"Abdul, die Ordner sind da, um die Arbeitsblätter einzuordnen."
- "Ja, ich weiß doch." Er rollt mit den Augen und ich habe den Tee schon längst vergessen.
Wir ordnen also erstmal alle Blätter. Zuerst zu den einzelnen Fächern, dann in die Ordner. Abdul ist überarbeitet. Leider muss noch einiges erledigt werden.
"Was ist mit der Aufgabe, die du in zwei Wochen abgeben musst?"
- "Hab ich."
"Wo?"
- "In meinem Kopf. Ich hab schon alles durchgedacht."
"Abdul, du musst es in schriftlicher Form abgeben! Du musst ein Plakat machen und eine Präsentation halten. Das ist viel Arbeit und du hast nur noch zwei Wochen."
- "Ja, ich hab doch noch zwei Wochen. Reicht. Wissen Sie, wie viel das ist?"
"Ich weiß, wie wenig das ist."
- "Boah, warum stressen Sie so? Ich werd schon machen!"
"Das hoffe ich!"
- "Diese Aufgabe stresst mich mehr, als Schule. Ich schwöre..." Er rollt schon wieder mit den Augen. Man könnte meinen, ich würde ihn zwingen, den Sculhof zu säubern und dann das ganze Schulgebäude.
"Ok, dann lass uns Deutsch angucken. Hast du die Hausaufgabe schon angefangen?"
"Was war Hausaufgabe?"
Ich verbringe noch eine Weile bei Abdul. Wir klären, was die Kiddies aufbekommen haben, bis wann sie es machen müssen und wie er es doch noch schafft, die praktische Aufgabe gut hinzubekommen. Es ist echt anstrengend. Es ist schlimmer, als momentan bei der Dunkelheit und Kälte aufzustehen.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Chuck Norris, der Hund


"Humor = Der Knopf, der verhindert, daß uns der Kragen platzt.“
Joachim Ringelnatz

- "Aller Mrs. Johnson, ich hab kein Bock mehr auf Schule! Ich wäre sooo gerne Chuck Norris, bei dem is jeden Tag Wochenende!" Oh nein Önder, möchtest du mich jetzt mit Chuck-Norris-Witzen beeindrucken? Die kannte ich, da warst DU noch nicht mal in Planung!
Anscheinend kennt nicht jeder die Chuck-Norris-Witze. Isabel fragt ganz verwundert:
- "Wer ist denn Chuck Norris? Dein Hund oda was?" Önder fängt an, hyterisch zu lachen. Macht nichts, der Unterricht ist heute sowieso hin. Seit der ersten Stunde. Langsam beschleicht mich der Verdacht, meine Schüler sind überhaupt nicht daran interessiert, einen Abschluss zu machen. Jedes Mal, wenn ich eine Frage in die Runde stelle, blicke ich in leere Gesichter. Stifte werden überbewertet, Papier sowieso. Früher gab es zumindest noch Ausreden. Heute heißt es einfach: - "Nö, mach ich nicht." Aber zurück zum Wesentlichen. Önder kann einfach nicht verstehen, dass jemand Chuck Norris nicht kennt.
- "Aller Mädchen, bist du irgendwie behindert?? Kennst du Chuck Norris nicht???" Isabel ist völlig fassungslos. Wahrscheinlich bereut sie schon, dass sie Önder überhaupt angesprochen hat.
- "Nein..."
- "Aaaaalller, der ist so ein harter Mann. Ich schwör, der hat bestimmt Privatlehrer und muss nicht zu diese Scheißschule gehen!"
Isabel hat noch nicht aufgegeben. - "Is er so... braun?"
Önder rollt mit den Augen. - "Nein man. Der ist Käse. Übeler Käse. Kauf dir bisschen Gehirn, Mädchen!"

Jetzt schaltet sich Efkan ein. - "Ich hab gestern bei Galileo gesehen, man muss gar nicht schlafen. Man kann nur sein Gehirn ausruhen!"
- "Wallah? Schwör ma auf Koran? Das kannst du gar nicht, Gehirn ausschalten!"
- "Klaaaar! Wetten um 100 €?"
- "Ja, lass ma. Wie willst du das machen, du Elender?" Sehr schön, die Unterhaltung wird immer niveauvoller...
- "Wenn ich in Film schaue, dann ich kann ich das!"
"Schluss jetzt, Leute! Wir versuchen jetzt trotz Chuck Norris wenigsten bisschen Unterricht zu machen! Fangen wir mal mit der Hausaufgabe an. Wer möchte?" Ruhe. Und zahlreiche Köpfe, die nach unten schauen.
"Haltet doch mal alle das Arbeitsblatt hoch." Die Kiddies sollten Balken ausmalen und so Ihre Interessen auf einer Skala deutlich machen. Drei Blätter sehen bunt aus. Alles andere ist schwarz-weiß. Önder hat nichts auf dem Tisch. Rein gar nichts.
"Önder, wo ist denn deinte Tasche?"
- "Ich hab Sie doch versucht zu sagen, aber Sie haben mir nicht zugehört. Ich hab die bei Praktikum gelassen. Voll verpeilt, dass wir heute Schule haben."
"Önder, du hast seit Anfang August Dienstags Schule!!!"
- "Ah so..."
"Nafisa, warum hast du die Hausaufgabe nicht gemacht?"
- "Ich wollt, aber ich kann nicht malen..."
"Du sollst doch keine Picasso-Kunstwerke hier produzieren, sondern nur Balken ausmalen! Das kann jedes Kind!"
- "Ja, ich wollt ja, dass meine kleine Schwester das macht. Aber die wollte nicht, die dumme..." Wenigstens ehrlich..
"Timm, wo ist dein Hefter?"
- "Hab nicht."
"Das beantwortet nicht meine Frage..."
- "Ich wollte mitnehmen. Aber wenn ich den mitgenommen hätte, wäre mein Bus weggefahren. Was wollen Sie lieber? Ordner oder Pünktlichkeit?"
"Beides! Pack doch mal abends deine Tasche!"
- "Keine Zeit..:"
"Abdul, was ist mit deiner Hausaufgabe passiert? Lass mich raten, du hast sie gemacht, aber ihr habt sie verbrannt, um die Wohnung heizen zu können?" Abdul guckt mich total verdattert an. Und mir platzen langsam echt alle Geduldsfaden, die ich jemals besessen habe.
- "Walla, immer ich! Wieso gucken Sie denn immer mich an! Ich hab gar kein Blatt bekommen!"
"Ich persönlich habe dir gestern das Blatt in die Hand gedrückt!!"
- "Gaaar nicht."

Lieber Chuck Norris, kannst du bitte jetzt sofort herkommen und mich retten?

Montag, 15. Oktober 2012

24/7 Lehrerin


Jemand sagte kürzlich: "Ich bekomme 100 000, um zu schauspielern, und sechs Millionen für den Verlust meiner Privatsphäre.
 
Kevin Costner

Die Schule hat erst heute begonnen, sich aber schon gestern angekündigt. Ist ja nicht so schlimm, dass wir Sonntag haben und ich somit schulfrei. Abgesehen davon, dass wir noch in den Ferien sind. Mrs. Johnson muss eben immer erreichbar sein.
Ich sitze also am Sonntag mit Freunden beim Essen und genieße den letzten Ferientag. Plötzlich klingelt mein Handy, auf dem Display sehe ich Mirkos Nummer. Hmmm.. soll ich dran gehen? Vielleicht ist was passiert? Vielleicht ist er schwerkrank und kann die nächsten Wochen nicht in die Schule gehen? Vielleicht ist er von zu Hause abgehauen? Ich entscheide mich dagegen. Schließlich haben wir immer noch Sonntag und Ferien und schulfrei. Wenn es so wichtig ist, dann wird er sich schon noch mal melden. Meine Freunde sind außer sich, sie können ja gar nicht verstehen, warum die Schüler meine Handynummer haben. Früher hat man seine Lehrer doch auch nicht angerufen?! Und man hätte sich auch nie und nimmer getraut, bei seinen Lehrern anzurufen. Das waren unantastbare Personen. Ja früher. Früher waren wir ja auch keine Hauptschüler und liefen in der Schule. Unsere Eltern wussten immer, wo wir sind und in der Schule haben wir uns auch immer abgemeldet.

Zwei Minuten später bekomme ich eine Nachricht: "Mrs. Johnson, können Sie mich bitte zurückrufen?" Ich überlege noch mal. Ein gut formulierter Satz, auch höflich. Was ist denn da los?? Eventuell rufe ich an, wenn ich wieder zu Hause bin.
Fünf Minuten später bekomme ich eine weitere Nachricht: "Hallo? Mrs. Johnson, können Sie mich anrufen und sagen, was wir bis morgen machen sollen? Also welche Hausuafgaben?" Super, Mirko, doch so gut aufgepasst in der Schule! Warum fällt dir am Sonntag vor Schulbeginn ein, dass du für den Montag nach den Ferien was machen sollst, warum weißt du nicht, was du machen sollst, warum kontaktierst du nicht deine Mitschüler oder guckst in deinem Hausaufgabenheft?? Wir haben doch sogar ein Blatt mit allen Aufgaben, die ihr machen sollt, ausgeteilt! Allerdings muss man den Jungen doch auch loben, dass er überhaupt an die Hausaufgaben denkt und sie auch machen möchte?!
Die Fassungslosigkeit über diesen Sonntagsanruf überwiegt jedoch und ich beschließe nicht zurückzurufen. So!
Damit war der Tag der Meldungen aber immer noch nicht rum. Um 22.43 Uhr bekomme ich wieder eine Nachricht. Diesmal von Isabel. "Mrs. Johnson, ich komme morgen später. Ich hab Arzttermin gemacht." Warum machst du Arzttermine während der Schulzeit und hast du ihn gerade eben gemacht oder warum musst so spät Bescheid geben?

Ich brauche ganz dringend ein Diensthandy. Irgendein billiges. Das bleibt dann am Wochenende und nach 20 Uhr aus. Dann gibt es eben kein Whatsapp mehr, sondern nur SMS und altbackene Anrufe. Bleibt natürlich die Gefahr, dass sie sich dann gar nicht mehr melden, auch nicht, wenn etwas wirklich Wichtiges ansteht. Denn wer schreibt schon heutzutage SMS?