Mittwoch, 12. Februar 2014

Jeder mit seiner Geschichte

"I ran away today, ran from the noise, ran away
Don't wanna go back to that place, but don't have no choice, no way
It ain't easy growin up in World War III
Never knowin what love could be, well I've seen
I don't want love to destroy me like it did my family"


Pink (family portrait) 


Es ist ganz still in der Klasse. Die Schüler arbeiten. Und ich schaue mich um. 

Da ist Can. Jemand, der meistens lächelt und der erste ist, der sich meldet, wenn Hilfe gebraucht wird. Mandy, die ihr letztes Praktikum im Altersheim gemacht hat. Meine Begeisterung für ihre Geduld beim Umgang mit Senioren klingt bis heute nicht ab. Önder, der wahrscheinlich eine weiterführende Schule besuchen wird, um Abitur zu machen. Önder, dem das keiner zugetraut hatte. Isabel, die zeichnen kann, als wäre sie die Schülerin von Albrecht Dürer höchstpersönlich. Und die ihre Hosen selbst kürzen kann. Da ist Umut, der lebendige Umut, der jedes kleinste Detail eines PCs benennen und die Funktionsweise erklären kann. Und blind tippen kann er auch. Mit zehn Fingern. Timm, den ich immer um Rat frage, bevor ich eine KFZ-Werkstatt aufsuche, weil er sich bei Autos wie zu Hause fühlt. Nafisa, die so herzlich lachen kann und die ein herzensguter Mensch ist. Da ist der zielstrebige Abdul, der versprochen hat, im neuen Jahr ein neuer Abdul zu werden. Ich erkenne jeden Tag seine Mühe. Melina, die Kroatisch sprechen, lesen und schreiben kann. Schon mal zwei Sprachen perfekt. Mirko, der so gut und so schnell Kopfrechnen kann, wie ich Schuhe shoppen. Und alle anderen. Jeder mit seinen Stärken.

Da sitzen sie alle. Jeder mit seiner Familiengeschichte. Mit so einer Geschichte, die sich der beste Drehbuchautor der Welt nicht ausdenken könnte. Der beste Drehbuchautor für Horrorfilme. Jeder mit seinen Sorgen und Problemen. Und sie alle mit einem gesellschaftlichen Stempel mit Zurechtweisungen und Hinweisen auf alles das, was sie nicht können. Und nur Verbote. Das darfst du nicht. Und jenes darfst du auch nicht. Und dann diese Bemerkungen, von wegen deine Klasse und deine Schüler. Die schon wieder. Falsche Bewegung, falscher Spruch, keine Hausaufgaben. War ja klar. Die können doch sonst nix, als alles falsch zu machen. Natürlich nicht. Wenn man ihnen erst gar nicht die Chance dazu gibt, etwas richtig zu machen. Sich zu präsentieren. Das zu zeigen, was sie gut können. Und sie können eine Menge. Wie sollen die denn auch anders können? Wenn man sie nicht lehrt, anders zu agieren. Und warum sind wir noch mal Lehrer geworden? Bestimmt nicht wegen der Ferien.
Wir müssen umdenken. Die Jugendlichen haben sich geändert. Die Elternarbeit hat sich geändert. Die Zeiten haben sich geändert. Müssen alle dasselbe lernen? Werden die unterschiedlichen Kurse, Anträge, Verordnungen und Paragraphen die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Jugendlichen erfüllen? Wir brauchen einen Raum, in dem die Jugendlichen sich entfalten können, in dem sie kreativ sein können. Einen Raum für Wünsche, Träume und Optimismus.

Mirko meldet sich. Schnell bin ich mit meinen Gedanken wieder in der Realität. 
"Muss ich Beruf von mein Vater bei Lebenslauf schreiben? Ich hass den. Der ist voll lange her abgehauen. Ich kenn den gar nicht."

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