Mittwoch, 5. März 2014

Mich abreagieren.

"Es ist immer schwer, etwas zu kritisieren, was man nicht kennt."
Thomas Bubendorfer


Mich stört etwas. Es stört mich ziemlich. Ziemlich sehr. Bei der ganzen Lehrer-Versager-Diskussion fehlt ein entscheidender Punkt. Die Politik, die Verwaltung. Wir, die Lehrer, haben die Entscheidungen, die da oben getroffen werden, auszuführen. Wir müssen mit allen Reformen leben. Wir sind ja Lehrer, ausgebildete Menschen, wir schaffen das schon. Wir schaffen alles. Wir müssen alles schaffen. Friss oder stirb. Hat sich irgendjemand die genauen Umstände angeschaut, unter denen wir arbeiten? Inklusion ohne Sonderpädagogen, nur mit uns, die kein Sonderpädagogik-Studium von mindestens acht Semestern hinter sich haben.  Reformen, die ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt werden. Nur mit Rücksicht auf Finanzen- möglichst viel sparen. Schwierigste Schüler mit grausamsten Familiengeschichten ohne Sozialpädagogen. Supervision für Lehrer weit und breit nicht zu sehen. Differenzierung ohne Geld für Kopien oder gescheite Bücher. Schulpsychologen, die alleine für sieben Schulen gleichzeitig verantwortlich sind. Also bitte, nicht immer auf die Lehrer! Es gibt genug andere Versager, die (mit) für das Desaster an deutschen Schulen verantwortlich sind! Bei uns, an einer Hauptschule, gibt es wahrscheinlich die fähigsten Lehrer überhaupt. Weil sie das alles aushalten und dabei noch ihren Optimismus behalten. Keiner will Lehrer werden und mit den schwierigsten der Schwierigsten arbeiten. Aber jeder fühlt sich berufen und qualifiziert dafür, Lehrer zu kritisieren.
Ich glaube, ich gehe jetzt eine Runde laufen. Mich abreagieren. Und danach korrigieren, Unterricht vorbereiten, Eltern anrufen. Ein Hoch auf unseren Halbtagsjob! Cheers.

Kommentare:

  1. Ich hoffe, ich habe Sie nicht missverstanden. Ich habe nur ein wenig Angst um Sie. In diesem Tempo können Sie nicht noch 30 Jahre arbeiten.
    Zum heutigen Blog: Wie recht Sie haben.
    Wie mir Ihre Wut gefällt.
    Nehmen Sie doch auch an der Blogparade teil.

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    1. Danke für Ihre Sorge! Wenn ich nicht mehr kann, dann gehe ich in die Bildungspolitik. ;-)

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  2. Liebe Frau Feynberg,
    bin erst jetzt auf Ihren Blog gestoßen. Ihre Welt (Hauptschule Großstadt) ist nicht meine (Gymnasium tiefste Provinz). Und trotzdem kann ich ihre Wut ein wenig verstehen. Für meine Schüler hätte ich gerne einen Schulpsychologen. Auf Termine, die man nur bekommt, wenn es ganz dringend ist, muss man mindestens ein halbes Jahr warten - oder in eine Klinik eingewiesen werden. Aber dann ist es ja fast schon zu spät. Für meine Kollegen hätte ich gerne ebenfalls Hilfe - professionelle Supervision, wenn es nötig ist. Aber das ist noch weiter entfernt als der Schulspychologe, mit dem ich immerhin schon einmal telefonieren durfte - als ein Schüler über zwei Jahre die Schule verweigert hat. Solche Menschen gehören zu einem Schulalltag in einer modernen Gesellschaft dazu. Das ist noch nicht angekommen.
    viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

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    1. Also kein berlinspezifisches Problem, eher ein menschliches, bundeslandübergreifendes.

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