Samstag, 4. August 2012

Voraufregung, Vorerwartungen und Vorfreude


"Das worauf es im Leben am meisten ankommt, können wir nicht voraussehen. Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat. "
Antoine de Saint-Exupéry

Noch zweimal schlafen, dann beginnt die Schule wieder. Einige werden jetzt denken, spinnt die Alte, freut die sich wirklich wieder auf die Schule? Und das nach dem letzten Jahr?? Ich freue mich tatsächlich. Wäre ja auch traurig, wenn man sich nach sechs Wochen schulfrei nicht wenigstens bisschen freuen würde. Die Vorfreude hat auch etwas mit den Neuigkeiten und Änderungen zu tun, die mich nächstes Schuljahr erwarten. Und das sind einige.
Nach zwei seeehr - naja, sagen wir mal - abenteurlichen Jahren habe ich meine Klasse abgegeben, um bei einem anderen Projekt mitzumachen. Und ja, es ist mir unheimlich schwer gefallen und ich habe wirklich lange überlegt, ob ich es mache. Jeden Tag geballte Herausforderung und unheimlich viel Mühe, die ich da reingesteckt habe. Genau das war der springende Punkt. Wer zwei Jahre lang so viel in eine Sache investiert und den Haufen zu einer Gruppe umformt, kann sich nur schwer verabschieden. Trotz mehrer Nervenzusammenbrüche, wachsen die Mäuse einem ja doch ans Herz. Jedenfalls lange hin und her überlegt und dann doch entschieden, eine Praxisklasse zu übernehmen. Reine Hauptschulklasse, wenn man so will. Das sind Schüler, die gar nicht mehr wollen oder können oder beides. Aus welchem Grund auch immer. Die größten Chaoten. Gerne bezeichnet man diese auch als 'schulmüde'. Die Woche in dieser Klasse teilt sich in zwei. Die eine Hälfte lernen die Kiddies in der Schule, während der anderen Hälfte machen sie ein Praktikum. Und das nicht nur drei Wochen am Stück, wie sonst, sondern eben ein ganzes Schuljahr. Oft sind es auch Schüler, die eben praktischer besser arbeiten können, als theoretischen Kram zu lernen, in dem sie sowieso keinen Sinn sehen. Wer meine Geschichten verfolgt hat, weiß, welchen Schulalltag wir letztes Jahr zu meistern hatten. Einige der Kiddies aus den 8. Klassen, die unheimliche (schulische) Schwierigkeiten haben, entschieden sich für das Angebot, ihren Abschluss auf einem anderen Weg zu holen. So hatten wir irgendwann unsere zukünftige 9. Praxisklasse hatten. Einige, die auch eine Abwechslung bräuchten, haben sich nicht mal die Mühe gemacht, Interesse zu zeigen und blieben in der 'normalen' Klasse. Wer nicht will, der hat schon. Wir zwingen ja keinen. Endlich mal ein gescheites Model! Ist wahrscheinlich zu früh gefreut, weil ich es selbst noch nicht ausprobiert habe, aber es sieht sehr vielversprechend aus und funktioniert ja! Zumindest viel versprechender, als alle in einen 26starken Haufen zu schmeißen und schauen, was draus wird. Wird nicht ganz einfach bei der Sammlung an Kandidaten, aber es sind immer nur ca. 15 Schüler (viel bessere Förderung möglich!) und man ist immer zu zweit in der Klasse.
In meiner alten Klasse, die nun eine neue Klassenleitung bekommt, unterrichte ich trotzdem noch paar Stunden. Ganz wollte ich auf sie dann doch nicht verzichten. Aus der Klasse sind also auch ein paar Schüler bei dem Projekt dabei. Die haben sich über ihre alte neue Klassenlehrerin gefreut, die anderen, die in der 'normalen' Klasse bleiben, eher weniger. Ich gebe zu, die Reaktionen auf die Nachricht gingen runter wie Öl. In solchen Momenten lohnt sich das alles. Alle wussten also schon vor den Ferien Bescheid. Ich habe die alte Klasse verlassen und nichts von ihr zum Abschied bekommen. Klar, ich bleibe an der Schule und man soll nichts erwarten, aber irgendwie erwartet man doch etwas, nachdem man zwei Jahre lang gekämpft und vieles aufgebaut hat. :-( Sogar von einer 10. Klasse habe ich Blümchen bekommen und von meiner eigenen nicht. Aber wahrscheinlich kommt es nicht auf Blumen, Pralinen und ähnliches an, sondern auf die Dinge zwischendurch. Wahrscheinlich.

Es wird also spannend nächstes Jahr. Und die sechs Wochen Ferien sind verflogen, als hätte es sie nicht gegeben. Ganz schülerfrei waren die Ferien natürlich nicht. Gleich am ersten Ferientag bekam ich eine SMS von Betül. - "Mrs. Johnson, haben Sie Umut gesagt, der soll nicht neben mich sitzen, weil ich dumm bin undso? Is schlecht für dem Umut?" Ja Betül, genauso habe ich es gesagt! Du bist dumm undso. Ich sagte zu Umut, dass er und Betül zu viel gequatscht haben und lieber nicht nebeneinander sitzen sollen. So entstehen Gerüchte...
Von Umut bekam ich zwei  Wochen später eine SMS, in der er mir weiterhin schöne Ferien wünschte. Sehr lieb, wirklich! Aber, wieso heulen die Schüler während der Schulzeit, dass sie zu viel arbeiten müssen und dass Schule scheiße ist und denken in den Ferien an die Lehrer und somit auch irgendwie an die Schule? Ich persönlich habe  als Schülerin alles, was mit Schule zu tun hat, in den Ferien ausgeblendet. Leider ist vielen meiner Schüler in den Ferien echt langweilig und der einzige Lebensinhalt ist eben die Schule. Neben dem Fernseher und unter Umständen einer Play Station natürlich.
Gülcan wollte, dass ich ihr paar Fotos vom Praktikum schicke. Jannes (kommt in die neue Klasse) hat mich bei Facebook zu einer Party eingeladen. Als Nachricht bekam ich dann:
- "Bock auf Party, Mrs. Johnson?" Und Ambros aus der ehemaligen 10. auch. Zu seinem 17. Geburtstag. Süß. Jannes kriegt am Montag den Kopf gewaschen, Ambros kann man nichts mehr sagen. Und dann natürlich mehrere Fragen zum nächsten Schuljahr.
- "Wo soll ich Praktikum machen?"
- "Fängt schon Montag an?" (Mehrmals vor den Ferien erklärt, dass es mit dem Arbeiten erst paar Wochen später losgeht.)
- "Muss ich echt sechs Stunden am Tag da sein? Reicht nicht 3?"
- "Kann ich bei Dönerbude von mein Onkel, seinem Cousin Praktikum machen? Krieg ich Geld da?"
- "Ich brauch Zettel, dem alle gekriegt haben, ich schwör, ich hab dem nicht bekommen!"
- "Ich hab schon Praktikum, krieg ich gute Note?"
Fortsetzung folgt... Und ja, es wird spannend, seeehr spannend.

Zum Schluss heute möchte ich mich etwas auskotzen. Darüber, dass man sich immer wieder rechtfertigen muss, dass man Lehrer geworden ist und dass wir soooo viele Ferien haben.
- "Sechs Wochen Ferien hast du?? Was soll ich da, mit meinen 28 Tagen sagen?"
- "Wie, wenn du zurück aus dem Urlaub kommst, hast du noch vier Wochen frei? Ich hasse dich!"
- "Arbeitet ihr auch mal?"
- "Also für diese geringe Arbeitszeit, müsste eigentlich jeder Lehrer immer perfekten Unterricht vorbereiten! Der Unterricht bei mir in der Schule war immer scheiße!"
- "Und die ganzen sechs Wochen kriegt ihr bezahlt??"
- "Und sieben Wochen später habt ihr wieder Ferien?? Dein Leben will ich haben!"
Boooah, nervt das! Als ich genau das nach der 50sten Bemerkung zum Ausdruck brachte, nicht so nett zum Ausdruck brachte, hörte ich: - "Du redest ja schon, wie deine Schüler!" Der Beruf färbt eindeutig ab.
An alle da draußen, die auch schon mal das oder etwas Ähnliches von sich gegeben haben: Wenn ihr euch nicht bewusst für den Lehrerberuf entschieden habt, dann nein, ihr wollt mein Leben nicht haben! Und wenn jemand daran zweifelt, kann er g erne vorbeikommen! Jeder von euch hätte ja auch mal Lehrer werden können. Wieso habt ihr denn Job denn nicht gewählt, wenn er doch so viele Vorteile bittet?! Komisch!

Für heute war's das von mir. Prost auf das neue Schuljahr! Möge es nicht so nervenaufreibend werden, wie das alte, Spaß machen und uns alle voranbringen.

Kommentare:

  1. Ends cool, Mrs. Rapper.
    Praxisklassen brauchen besondere LehrerInnen.
    Ein kleiner Hinweis:
    http://www.hs-neuaubing.musin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=235:eine-woche-leben&catid=74:presse
    Lieben Gruß Jürgen

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    1. Danke (auch) für den Hinweis, werde mir die HP bei Gelegenheit unbedingt näher ansehen! Weiterhin schöne Ferien!

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  2. Einen guten Start ins neue Schuljahr, liebe Mrs. Johnson! Ich freue mich schon auf die Geschichten ;-)
    V.

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