Dienstag, 10. Januar 2012

Von Despoten und Rebellen


"Der Souverän will das Volk nach seinen Begriffen glücklich machen, und wird Despot; das Volk will sich den allgemeinen menschlichen Anspruch auf eigene Glückseligkeit nicht nehmen lassen, und wird Rebell."

Immanuel Kant
In der kleinen Pause begegne ich Gülcan und Christina. „Mrs. Johnson, Mrs. Johnson, wissen Sie was im Chemieunterricht passiert ist??“ Noch nicht. „Dejan hat so sexische Sachen mit uns machen! Hat der gesagt und dass er bangen will mit alle. Und so die ganze Stunde. Frau Reagenz ist so ausgerastet, aber der macht einfach weiter. Ist der dumm!“ Der Tag fängt ja gut an. Ich nehme an, dass Dejan bereits bei der Schulleitung sitzt und die Mutterdiemanmeidensollte gleich vor mir steht. Als hätte ich es gewusst! Wie aus dem nichts steht sie da. „Ich war schon Chemielehrerin.“ Ah was, tatsächlich? Hat ja auch keiner ernsthaft geglaubt, dass sie sich einen Termin holen oder wenigstens bis nach der Stunde warten würde. „Warum mein Sohn? Mein Sohn nix gemacht, hat gar nix nötig sowas. Hat sowieso viele Freundin und Mädchens! Wir sind schon viele Jahre Deutschland, noch nie Probleme mit Amt!“ Was hat diese Information mit den Geschehnissen zu tun und warum sprechen Sie dann so schlecht Deutsch?? Und woher wissen Sie bitte, dass er nichts gemacht hat, ohne dabei zu sein? Und was Dejan betrifft, ja natürlich. Er ist genauso unwiderstehlich wie Don Juan. Ich erkläre ihr, dass ich wirklich dringend zur nächsten Stunde muss. „Weißt du, du verstehst mich! Du bist auch nicht von hier. Die mögen hier keine Ausländer.“ Komisch. Ich würde behaupten, mich mögen 'die'. 
Auf dem Weg in die Klasse, eine Minute vorm Klingeln, kommen Abdul und Mohammed auf mich zu. - „Da liegt ein Buch vor dem Tor. Können wir Hausmeister fragen, ob wir holen können? Hat bestimmt jemand vergessen. „Warum denn jetzt, in paar Sekunden beginnt die Stunde!“ - „Stellen Sie sich vor, es wäre Ihr Buch! Was ist das für eine Menschenschaft?“ Hmmm, neue Seiten oder einfach 'kein-bock-auf-Unterricht-Ausrede'.
Gerade noch rechtzeitig in der Klasse angekommen. Valmir packt Justin am Hals. Der mit rotem Kopf und Tränen in den Augen versucht, sich verzweifelt zu befreien. Maaan, kommen wir vielleicht einen Tag ohne Prügeleien aus?? Ich schätze, Justin hat so sehr genervt, beleidigt oder was auch immer, dass Valmir (Kopf größer als Justin) die Geduld verloren hat (echt schwierig bei ihm). Auch nicht schlecht. Justin mal aus einer anderen Perspektive.
10 Minuten später kann nun endlich die Erdkundestunde beginnen. Tuncer liest einen kurzen Text vor. Nahezu jedes Wort wird nach Silben zerlegt und dann wieder zusammengefügt. - „Wallah, was sind denn das für Wörter, wer hat die denn ausgedacht?“ „Schaut euch die Karte an. Mit welchen Kontinenten verbindet man das subtropische Klima?" Abdul meldet sich. Endlich mal mit Meldung und auch noch zum Thema und keine Kommunikation mit Justin durch die gesamte Klasse. - “Also... ich sehe 3 Ozeane und Länder.“ Doch nicht ganz zum Thema. „Das war nicht meine Frage.“  - „Wie mies Sie sind, ich sag nix mehr.“ „Yuuhuu, gute Entscheidung, kannst du dann bitte bis zum Ende der Stunde nichts mehr sagen??“ - "Sie hetzen mich!„ "Wenn schon, dann hetzen Sie gegen mich!“ Kaum hörbar sagt er: „wie sie heult...“ Ich muss nicht alles hören. - “Ich bin Ausländer.“ Ähhm, bist du nicht in Berlin geboren? „Trotzdem darfst du richtiges Deutsch sprechen.“ - "Mein Lernzuwachs ist noch nicht verifiziert.“ Wow, woher hat er denn das Wort? Passt zwar nicht ganz zum Kontext, aber Fremdwort ist Fremdwort.
Nach den zwei Prügeleien, picnicen im Unterricht und währenddessen andere mit Essen bewerfen, Beleidigungen gegenüber Lehrern und Schülern, Arbeitsverweigerung und sämtlichen Störungen der letzten Monate (auch als Terror oder Rebellion zu bezeichnen), beschließen auch wir zu rebellieren und Justin getrennt von der Klasse zu unterrichten. Geschenk für mich. Gewinn für die Klasse. Schicker Tag.


Kommentare:

  1. Ich gartuliere! Welcher Erfolg! Ich bin auch Ausländer - helfen Sie mir bitte, Nrs. Johnson!

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  2. V. dankt für die tägliche amüsante Lektüre und wünscht weiterhin viel Kraft! Bin gespannt, was sich nach dem Ausschluss ändert!

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  3. Schönes Ding, Mrs. Johnson. Es gibt wohl doch noch so etwas wie "Gerechtigkeit". Irgendwie.

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  4. Irgendwie schon, aber irgendwie auch
    nicht. Eher Ordnungsmaßnahmen und Kampf gegen böse Menschen.

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