Sonntag, 6. Mai 2012

Jubiläum


Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren zählt.
Adlai E. Stevenson

Ich warne schon mal vor, heute wird es etwas trocken. Wer übers bildungspolitische Zeug nicht so gerne liest, darf die Geschichte gerne überspringen.

Ich feiere heute Jubiläum. Ein echt schönes, wie ich finde. Vor genau zwei Jahren absolvierte ich die zweite Staatsprüfung und beendete erfolgreich das furchtbare Referendariat. Da ich schon während dieser Ausbildung mir fest vorgenommen habe, das alles aufzuschreiben, was da läuft und nie dazu kam, mache ich das jetzt. Und auch aus dem aktuellen Anlass, der Allensbach-Studie wegen. Hier wurde ja vor allem die Lehrerausbildung kritisiert, diese bereite die zukünftigen Lehrer zu wenig auf den Beruf vor. Stimmt genau. Referendarin zu sein ist einfach scheiße. Klar, zwei Jahre sind eine lange Zeit und ich erinnere mich auch nicht mehr an jede Schickane. Allerdings erinnere ich mich noch genau an das Gefühl der Abhängigkeit, der Erniedrigung und des Drucks. Das Bestehen dieser Prüfung hängt natürlich von einem selbst ab. Aber eben auch von anderen. Wenn heute mal wieder ein Seminarleiter die Referendare an unserer Schule besucht, bin ich unheimlich erleichtert, nichts mehr mit ihnen zu tun haben, zu müssen.

Man sagt, das Referendariat wäre die schlimmste Zeit des Lebens. Ich kann das genauso unterschreiben. Jeder empfindet es natürlich anders und wahrscheinlich habe ich mir selbst den meisten Druck gemacht. Direkt vor mir sind drei nacheinander durchgefallen. Nun ja, vielleicht ist der Druck auch berechtigt. Die Leute, die bei der zweiten Prüfung durchfallen, haben ein Riesenproblem. Sie investieren fünf Jahre in die Uni und weitere zwei in das Referendariat. Schön blöd, wenn man nach sieben Jahren Ausbildung gesagt bekommt: “Leider sind Sie für den Lehrerberuf nicht geeignet.” In manchen Fällen wird es wohl stimmen. Aber es muss für denjenigen wohl möglich sein, es vorher zu erfahren?! Durch Eignungstests oder Ähnliches. Klar, man macht Praktika während des Studiums. Doch meistens darf man in diesen zu wenig selbst machen, um über die Eignung urteilen zu können. Und zu kurz sind die Praktika auch noch. Ja, der Druck ist immens. Man macht sich halt so Gedanken. Man denkt, wenn man durchfällt, ist die Welt zu Ende. Man möchte endlich Geld verdienen, sich den einen oder den anderen Wunsch erfüllen und unabhängig sein. Und eine gute Note möchte man ja auch bekommen. Schließlich zählt die Note bei der Einstellung, es sei denn man hat solche Mangelfächer wie Physik oder Musik.

Jeder Referendar hat also die Ehre, in den zwei Jahren Ausblidung ungefähr 18 Mal von Seminarleitern besucht zu werden. Ja, Seminarleiter… ganz schwieriges Volk. In meinen Augen, sind es meistens die, die es als Lehrer in der Schule nicht geschafft haben oder aber an der Karriereleiter möglichst hoch hinaus wollen. Ich hatte eine ganz tolle Seminarleiterin, von ihr habe ich sehr viel gelernt. Das war aber auch die einzige. Die beiden anderen gehörten leider in die Kategorie ‘Zeitverschwendung’. Die eine war seit ungefähr 20 Jahren aus der Schule raus und der andere allgemein eine Katastrophe. Wenn er von seinem Unterricht erzählte, klang alles super. Schüler würden wie am Schnürchen laufen, jede Methode perfekt sitzen. Tatsächlich kamen wir in den Genuss, ein paar seiner Stunden zu sehen. Und, uuuups. Da lief gar nichts. Die Ausrede war: “ja, wissen Sie, ich habe ja auch ganz schwierige Klassen!” Entschuldigung, wir nicht oder was?? Diese Ausrede durften wir natürlich niemals benutzen. Wir mussten auch in der schwierigsten Klasse dieser Welt die beste Stunde zeigen. Genauso wie bei uns, gab es auch nach den Vorführstunden der Seminarleiter eine Auswertung. Leider durfte man hier nicht ehrlich sein und nicht offen kritisieren. Hätte sich ja auf die eigene Note auswirken können. Also wurde hier endlos geschleimt. Ekelhaft.

Vor jeder Vorführstunde kam das große Zittern.

Während der Stunde saßen die Seminarleiter hinten. Mit einem Pokerface und schrieben jede Kleinigkeit auf. Was hat der Referendar wann gesagt, welche Bewegung machte er, wurde das Stundenziel erreicht, wie war der Umgang mit den Schülern, usw. Wurden die richtigen Impulse gegeben, das Lehrer-Echo vermieden, die Meldekette ausprobiert? Manchmal liefen sie auch rum und schauten sich die Ordner der Schüler an, um zu erfahren, mit welchem Material die Schüler auf diese Stunde vorbereitet wurden. Jedes Arbeitsblatt der Unterrichtseinheit muss stimmen. Druck und Nervosität pur. Natürlich hängt man in solch einer Situation auch von dem Verhalten der Klasse ab. Man instruiert die Schüler vorher, bittet um Mitarbeit und gutes Benehmen und erklärt ihnen wie wichtig, der heutige Besuch für einen ist. Ob die Bitte angekommen ist, merkt man allerdings an dem Besuchstag selbst. Meist sind die Schüler jedoch in solchen Tagen Zucker und stehen hinter ihrem Lehrer.

Nach jeder Vorführstunde gab es eine Auswertung. Ziel: dem Referendar möglichst alles aufzuzeigen, was er falsch gemacht hat. In der Regel war auch alles falsch. Am liebsten noch mit dem Satz verknüpft: “Überlegen Sie es sich doch, ob es wirklich die richtige Berufswahl für Sie ist.” Nicht wenige haben in diesen Auswertungen geweint oder eben nach dieser Auswertung. Im Lehrerzimmer oder zu Hause. Es gab auch die Möglichkeit, sich einen Besuch zu sparen und zwei Seminarleiter auf einmal einzuladen. Schlechte Idee. Denn dann begannen Machtspielchen zwischen den beiden. Auf Kosten des Referendars wurde ausprobiert. Wer konnte in dieser Stunde mehr schlechte Sachen erkennen. Die Seminarleiter schmeichelten einander, gaben einander Recht und der Referendar wurde immer kleiner. Zweifel oder Kritik an der Arbeit des Seminarleiters war ein No-go. Die Menschen sind unantastbar. Leider habe ich es bei einem immer wieder versucht. Quasi für Gerechtigkeit gekämpft. Die Auswertungsgespräche mit Ihm waren zum Kotzen, sie gaben mir rein gar nichts. Er hat mich nicht beraten, sondern immer wieder fertiggemacht. Als ich ihm das sagte, wurde mir Arroganz vorgeworfen, ich würde ihm gar nicht richtig zuhören. Er meine es doch nur gut. Kontrolliert eigentlich jemand die Seminarleiter??? Als Dank für meine Bitten, habe ich von ihm eine schlechtere Vornote bekommen, als von den anderen. Man war eben machtlos gegen diese Menschen. Ob es unseren Schülern mit Lehrern wohl auch so geht? Ich hoffe nicht. Ich denke immer wieder an diese Erfahrungen und versuche es bei meinen Schülern anders zu machen und sie zum Beispiel in Entscheidungen miteinzubinden oder die Zusammensetzung der Noten zu erklären. Die Seminarleiter erklärten einem eigentlich erwachsenen Mensch mit einem abgeschlossen Studium und sonstigen Erfahrungen, die einen eben so prägen, dass man keine Ahnung vom Leben hätte. Die Zweifel am Bestehen der zweiten Staatsprüfung wurden immer größer.

Nicht nur die Stunde wurde auseinander genommen, sondern auch die Unterrichtsentwürfe. In diesem musste jede kleinste Entscheidung begründet werden. Warum mache ich was? Warum Gruppen-, statt Partnerarbeit? Methodenvielfalt musste natürlich sein! Bei solchen Klassen, wie wir sie heute haben, funktioniert eigentlich nur Frontalunterricht. Knallhart. Nur Beschäftigung, bloß keine freie Sekunde geben, um sich abzulenken. Klappt natürlich auch nicht immer. Welche Materialien benutze ich, warum gerade das Thema, was weiß die Klasse schon und was will ich ihr noch beibringen? Blablabla und schreiben, schreiben, schreiben… Könnte ja sonst langweilig werden. Und natürlich ganz viel differenzieren. Material für den niedrigsten, mittleren und höchsten Standard. Wir sollten also lernen, eine perfekte 45-Minuten-Stunde zu planen und zu durchführen. Nur schade, dass man heute nicht mehr dazu kommt, 45 Minuten lang zu unterrichten und andere Probleme, wie Disziplinschwierigkeiten, Schwänzen und Schulmüdigkeit im Zentrum stehen. Wie man mit diesen Problemen umgeht, haben wir im Referendariat nicht gelernt. Die Lösungen für solche Probleme bringt man sich schon irgendwie selbst bei. Learning by doing.

Nach der Prüfung war ich aus zwei Gründen erleichtert. Weil das Ergebnis wirklich gut ausgefallen ist, aber auch weil ich von nun an zu diesen Menschen nicht mehr nett sein musste, aus Angst, sie könnten mir schaden. Und vor allem weil ich jetzt von ihnen unabhängig war. Schon während des Referendariats und auch jetzt noch, frage ich mich, warum es einem während dieser Zeit so schwer gemacht wird? Ist es etwa eine Prüfung, ob man dem späteren  Schulalltag standhalten kann? Meiner Meinung nach, muss das Referendarit modernisiert werden- weg von inkompetenten Seminarleitern sowie überalterten und nicht transparenten Inhalten. Egal wie schwer der Schulalltag heute sein mag, ich würde um keinen Preis mit dem im Referendariat tauschen wollen.

Kommentare:

  1. Ich kann so ziemlich alles bestätigen, was Sie über das Referendariat geschrieben haben. Der permanente Druck und das Gefühl, anderen ausgeliefert zu sein, sind eigentlich unzumutbar. Aber zumindest weiß man danach, dass man psychisch durchaus belastbar ist... im besten Falle.
    Beste Grüße!

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    1. Stimmt, macht die Sache aber leider auch nicht besser...
      Grüße zurück!

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